Nachdem wir (mein Mann und ich) in Samern jahrelang von Jägern bedrängt, bedroht, ja sogar beschossen wurden, ohne dass irgendeine Behörde Handlungsbedarf gesehen hätte, wundert uns kaum noch etwas, was die Trachtengruppe veranstaltet. Vom frisch abgetrennten Rehkopf auf der Festtafel oder verwesenden Wildtieren in Wald und Flur - wie war das noch mit dem Naturschutz, der freiwilligen „Entsorgung“ von „Fallwild“ (ist das sowas wie Fallobst?), die immer zum Anlass genommen wird, gegen die Jagdsteuer zu wettern - bis zum halb aufgebrochenen Wildschwein dachten wir, wir hätten bereits alles erlebt und alles gesehen. Darüber hinaus waren wir der Ansicht, nach dem Umzug auf die andere Seite des Bezirks diesem Treiben entkommen zu sein. Aber wohl kaum:

Neulich, 29.12.2009, schönes Wetter, eigentlich könnten die Pferde noch auf die Weide. Urplötzlich Pfeifen und Schüsse aus dem nahe gelegenen Wäldchen. Aha, die Trachtengruppe bei ihrer monatlichen Treibjagd – wie immer ein Überraschungsbesuch. Also das Weidetor geschlossen halten, Pferd vom Arm setzen (sind die Leute doch selbst schuld, wenn ihnen was passiert - soviel zu „Umsicht“ und „Rücksichtnahme“ des Jägers) und Katzen durchzählen. Memo an mich: Wenn Jäger weg, Katzenanzahl notieren, Tee gegen den Angstdurchfall aufsetzen, dem vor Angst und Aufregung halb erstickten dämpfigen Pferd seinen Lungentee verabreichen. Bis dahin in der Kälte stehen und ein wenig Präsenz zeigen.

Derweil die entkommenen Rehe panisch auf die Straße fliehen und dort fast einen Unfall verursachen (wirklich sehr umsichtig), fährt der Wagen bereits zum nächsten Acker vor, die Trachtengruppe schlurft hinterher. Aus Mangel an Tieren steigen bald alle in den Wagen, der sie ziemlich orientierungslos durch die Gegend juckelt. Dann Schüsse und Pfeifen von der anderen Seite (viele Straßen, Reiterhof, Kindergarten, aber stört ja niemanden – Jäger dürfen das). Die Trachtengruppe schlendert die Straße und an Nachbarhäusern entlang, das Gewehr lässig im Arm - man fühlt sich offensichtlich wie John Wayne. Vielleicht kommen einem ja auch noch ein paar Hasen auf dem Fahrrad entgegen. Nach 15 -20 min ist der Spuk endlich vorbei. Katzen durchzählen und ins Haus um Tee aufzusetzen.

Keine zehn Minuten später wieder ein Schuss. Vom Balkon aus nichts zu sehen, vom Schlafzimmerfenster auch nicht, aber auf dem Hof aus Richtung des Pferdestalls ein furchtbarer Schrei. Aufgeregtes Schnorcheln aus den Paddocks. Sofort ab nach draußen, bevor die Pferde komplett verrückt spielen. Trachtengruppe samt Begleitfahrzeug direkt im Wäldchen hinter dem Hof, keine 50 m zwischen Waffen und Pferden, keine 15 m zum Nachbarhaus. Keine Katze zu sehen. Schüsse fallen.

Plötzlich heftiges Kopfrucken in meine Richtung (Mist, da steht jemand!). Wie schon beim letzten Mal, als einige Tauben aus den Bäumen über unseren Pferden geschossen wurden, werden plötzlich alle unruhig, rufen die Hunde heran, denen das Geschrei reichlich egal ist. (Ich will ja nicht prahlen, aber jede einzelne unserer 12 Katzen gehorcht besser...) Dann ein konfuser und übereilter Abzug.

Obwohl genügend andere Möglichkeiten gegeben gewesen wären und ich einen guten Blick auf die Gesellschaft habe, wird vor dem Einsteigen noch schnell dem Nachbarn an den Zaun gepinkelt (die Männer, nicht die Hunde). Vielleicht so ein Männerding, das etwas mit Reviermarkierungen oder Dominanzverhalten zu tun hat?, frage ich mich, als einer mit zwei kleinen, leblosen Körpern in der Hand aus dem Graben klettert.

Ausbeute dieser Jagd: zwei winzig kleine Fasanen (soweit zu erkennen), den Bestand damit auf fast Null herunter reguliert, den Wald gesichert. Während ich mich noch wundere, was diese armen kleinen Vögel dem Wald denn Schlimmes angetan haben können, tuckert die Trachtengruppe selbstzufrieden an mir vorbei. Man fühlt sich anscheinend wie Old Shatterhand, der gerade einen reißenden Bären erlegt hat. Anstelle der Nachsuche gibt es jetzt endlich den verdienten Nachschnaps.

Noch einmal die Katzen durchzählen – von denen hat zum Glück keine geschrieen. Mal sehen, wie ich meinem Pferd erklären werde, dass sein Kumpel, der Fasan, wohl nicht mehr zum Spielen auf die Weide kommt.

Mein Fazit: Die Trachtengruppe mag es nicht, beim Morden beobachtet zu werden. Daher werden wir auch beim nächsten Mal an der Weide stehen, dann vielleicht mit Kamera oder Videokamera um das Schießen in direkter Nähe zu Häusern zu dokumentieren.

Deutschland, ein Land der Extreme. Während über ein Verbot von Computerspielen diskutiert wird, ziehen schießwütige Zivilisten mit scharfen Waffen bereits nach Wochenendkursen marodierend durch Wälder und Felder um Krieg zu spielen und ganz real zu töten, ohne dass ihnen Einhalt geboten wird.


Mit kopfschüttelnden Grüßen

Uwe und Claudia Haar



Unser Leserbrief an die "Grafschafter Nachrichten", 2009

Als Tierschützerin und Mensch, der lange Jahre unter dem Verhalten von Jägern leiden musste, ist mir aufgefallen, dass die GN in letzter Zeit sehr jägerfreundlich und pro Jagd auftreten. Dafür kann es aus ethisch-moralischer Sicht nur zwei Gründe geben: Entweder ist der verantwortliche Autor selbst Jäger und hat ein nicht nachvollziehbares aber berechtigtes Interesse daran, die Jagd, der viele ablehnend gegenüber stehen, gesellschaftsfähig zu machen – oder er ist mit den Fakten nicht vertraut, die Jäger und Jagdverbände natürlich gerne unter den Tisch fallen lassen, denn Jagd und Tierschutz sind unvereinbare Gegensätze. Auch dem Natur- und Artenschutz kommt das Ermorden von Tieren, das Auseinanderreißen von Paaren und das Verbreiten von Angst und Schrecken sicherlich nicht zugute. Ein spekulativer dritter Grund wäre der, dass die GN für eine positive Darstellung der Jagd finanzielle Aufmerksamkeiten erhalten.

Die Berichterstattung zielt darauf ab, die Jagd als traditionelles und respektvolles Handeln in der Natur darzustellen, den Jäger damit als verantwortungsvollen, Tiere und Natur liebenden Menschen. Doch das ist – wenn überhaupt – nur ein Viertel Wahrheit. Vielmehr zeichnet sich die Jagd durch schlimmste Tierquälerei, Mißachtung des Tierschutzgesetzes, unhaltbare Methoden wie herbstliche Massentötungen mit Gefährdung von Passanten und Verkehr oder Fallenjagd, Sonderrechte wie Waffenbesitz, Terror, Despotie wie auch die Unkenntnis der natürlichen Zyklen aus. Über Wildbiologie wissen Jäger häufig nicht viel mehr, als dass man dieses Tier ermorden kann, über das Abknallen von Haustieren jedoch kann der Jäger stundenlang dozieren. Auch wenn es um andere Quälereien oder blutrünstige Berichterstattung der letzten Jagd geht, ist er dabei. Selbst der Uninteressierte bekommt dann zu hören, wie viele Löcher die „Wumme“ dem armen Tier in den Leib gesprengt hat und welche Eingeweide es über den Acker verteilt bis zum Tod verloren hat.

Überdies negiert und verspottet die Jagd als blutiger „Sport“ die Würde des Tieres und sein Recht auf Leben. Die eigene „Sprache“ dient dazu, eine eingeschworene, elitäre Gemeinschaft zu suggerieren, die dem „gewöhnlichen Menschen“ (der nicht das Bedürfnis zu töten in sich verspürt) überlegen ist. Zudem senkt das regelmäßige Töten von Lebewesen die Hemmschwelle zur Gewalt und dem Mord am Menschen.

Der letzte Artikel über die bestandene Jägerprüfung zeigt ganz deutlich die schizophrene Einstellung der Jäger gegenüber dem „Objekt Tier“, auch „Stück“ genannt, denn ein Tier ist kein „nachwachsender Rohstoff“ sondern ein Lebewesen mit Gefühlen, Ängsten und Schmerzempfinden sowie dem Recht auf Leben. Darüber hinaus ist Wildbret nicht unbedingt wohlschmeckend – sofern man weiß, dass auch Wildtiere von allerhand Parasiten befallen werden und neben dem Adrenalin der Todesangst nicht selten eine Bleivergiftung an den vermeintlichen Gourmet weitergeben.

Das Foto der Teilnehmer, die ihren Jagdschein wie eine spätere Trophäe in die Kamera halten, stimmt nicht freudig, sondern nachdenklich, denn es beweist, dass nach wie vor Menschen sich bewusst - und leider noch immer ganz legal - für das Töten von Lebewesen entscheiden (anstatt sie – wie ein wahrer Tierfreund und Naturschützer - nur zu beobachten). Das wirft weitere Fragen auf: Was für ein Mensch tötet aus Vergnügen? Und wie wahrscheinlich ist es, dass er sein „Hobby“ auf seine Mitmenschen ausweitet, Kinder in Schlagfallen fängt oder Haustiere erschießt? Nur zu sehr drängt sich ein Vergleich von Inquisitoren und einer bestandenen Hexenjägerprüfung auf.

Auch die Ferien(s)paßaktion „Mit Halali im Samerott“ (wo Spaziergänger außerhalb solcher Propaganda-Aktionen in scharfem Ton verwarnt und des Waldes verwiesen werden!) diente nur dazu, bereits Kindern das Töten schmackhaft zu machen. Vielleicht lag es an der angstvollen Stimmung, die Jäger verbreiten, dass keine wilden Tiere durchs Unterholz strichen. Meinem Mann und mir jedenfalls sind bei unseren Streifzügen durch das Samer Rott zahlreiche Rehe, Damwild oder Hasen zum Anfassen nah begegnet – während die meisten Jäger sich uns gegenüber – wie bereits angeführt - stets sehr unsympathisch verhalten haben.

Kindern mit ausgestopften Rehen die Natur erklären zu wollen, ist ein Betrug an der Natur. Der Wald ist kein Streichelzoo, in dem die Tiere ständig verfügbar sind oder dastehen und auf die Kugel warten. Sicherlich hätten sich auch andere interessante Dinge oder Tiere gefunden (zum Beispiel Baumkunde, nützliche Insekten o.ä.). Damit hätten – wie angepriesen – die „Geheimnisse des Waldes gelüftet“ werden können.

Der Schwerpunkt dieser „Exkursion“ scheint jedoch tatsächlich auf dem Töten von Tieren sowie der Imagepflege zur gesellschaftlichen Akzeptanz der Jagd gelegen zu haben, denn in Zeiten, in denen sich immer mehr Menschen (die das mordlüsterne „Freizeitvergnügen“ anderer ertragen müssen) gegen den Terror der Jagd als blutrünstigen Anachronismus aussprechen und dringend für Verbote plädieren, muss diese attraktiv gemacht werden. Vielleicht hätte man den Kindern in diesem Zusammenhang neben ausgestopften (Tier-) Leichen auch den Abschuss von Haustieren, den elenden Todeskampf in der Falle oder die Schliefjagd nahebringen sollen. Denn was dem Zuschauer bei „Bambi“ die Tränen in die Augen treibt, gehört in deutschen Wäldern zum grausamen Alltag. Darüber hinaus kann es nicht angehen, dass Computerspiele auf dem Index landen sollen, während man bereits Kinder für das reale Töten zu begeistern versucht.

Ein solch perfides Vorgehen wie in den angeführten Artikeln geschieht nur mit dem Ziel, für mehr Akzeptanz zu werben und bereits Kindern eine überholte blutige Tradition nahezulegen sowie das Töten von Lebewesen schmackhaft zu machen. Den Naturschutz als wesentlichen Teil ihres Wirkens herauszustellen, ist Augenwischerei der Jagdverbände und Hegeringe, denn alles, was im Revier geschieht, hat mit der Jagd zu tun. Auf diese Weise ist es Jägern gelungen, ihre tägliche Barbarei vor der Öffentlichkeit zu vertuschen und ihren blutigen Zeitvertreib als „ökologisch notwendig“ hinzustellen. Auch nach zwanzig Jahren in Samern wäre uns nie aufgefallen, dass außerhalb der Jagd etwas im Wald geschehen wäre.

Eine Tageszeitung, die sich gegen Rechts engagiert und trotzdem unter dem Deckmantel der „Tradition“ das aktuelle Jagdgesetz als letztes angewandtes Nazi-Gesetz duldet, ja sogar indirekt durch Lobhudelei der Jäger unterstützt, macht sich unglaubwürdig. Dieses Gesetz schützt nicht das Lebewesen Tier sondern das Recht der Jagd, indem es den Jagdverbänden ähnliche Sonderrechte verschafft wie mittelalterlichen Feudalherren. „Der größte Feind des Rechts ist das Vorrecht“, Marie von Ebner-Eschbach.

Wären die GN im 21. Jahrhundert angekommen, würden sie sich dafür einsetzen, die Jagd als blutrünstig und anachronistisch zu ächten und Privatleuten jegliche Vergnügungsjagd rigoros zu verbieten – schließlich gibt es auch keine Hobby-Chirurgen oder Hobby-Metzger.

Zivilisierte Länder wie die Schweiz haben das erkannt und die Jagd bereits entweder ganz oder für Privatleute verboten. Auch in den Niederlanden ist machbar, was in Deutschland von ignoranten Jägern bislang als „jagdfeindliche Bestrebung“ verhindert werden konnte: Das neue Flora- und Faunagesetz lässt die Jagd nur in Ausnahmefällen zu. Nur noch fünf Arten dürfen überhaupt gejagt werden (in Deutschland sind es 96!! Arten, die Jägern zum Opfer fallen, viele davon bedroht). Das Gesetz betont den Eigenwert des Tieres ohne Rücksicht auf Nutzung durch den Menschen. Wer jagen will, muss fortan beweisen, dass dies die letzte Möglichkeit ist (Tiere nicht vertrieben werden konnten o. ä.) und dafür eine Ausnahmegenehmigung beantragen - nicht wie in Deutschland zuhauf mit der Waffe in der Hand über die Felder rennen und Akzeptanz erzwingen.

Auch ist es niederländischen Jägern im Gegensatz zu deutschen Jägern verboten, Tiere zwecks künstlicher Vermehrung regelrecht zu mästen. Anders als in Deutschland ruht die Jagd auch in Naturschutzgebieten, was dem Artenschutz sicherlich besser zugute kommt als das „regulierende“ Eingreifen der Jäger in geschützten Gebieten (was ein Widerspruch in sich ist).

An die Verantwortlichen der Jagdschule möchte ich im Namen des Fortschritts und der gequälten, brutal ermordeten Kreatur an dieser Stelle appellieren, den nächsten Kurs im September abzusagen und diesen Mordkurs den letzten gewesen sein zu lassen.
















Jagd als Naturschutz?
Beschimpfung von Hunde/Katzenhaltern