Ich bestieg mit meinen Hunden allmählich den Hügel, um mir ein genaueres Bild über das Geschehen machen zu können. Die Jäger standen verstreut im Tal und auf dem gegenüberliegenden Hügel herum. Sie hatten rote Tücher um ihre Ärmel gebunden und waren gut zu erkennen. Was ich sah, war grausam und mir fiel es schwer, dieses Schauspiel zu ertragen. Und doch, so grauenvoll das Geschehen auf mich wirkte, bemühte ich mich doch krampfhaft, das Bild zu vertreiben, aber was nun kam, konnte ich mit meinem Innern nicht mehr in Einklang bringen. Es ging nun Schlag auf Schlag: Ich vernahm Schüsse, zwei, drei, vier, fünf, nein sechs, dann ohrenbetäubendes Gekläffe der Hunde und fürchterlich kreischende Tiere, dazwischen immer wieder Schüsse, sodass ich mir lebhaft ausmalen konnte, dass die Jäger schlecht trafen und die Tiere nur verletzten, oder dass das ein oder andere Tier von der aufgebrachten Hundemeute zerrissen wurde. Ich schätzte, beides traf zu. Mein Herz begann laut zu pochen, aber ich konnte den Tieren nicht helfen, allein der Gedanke war absurd. Ich stellte das Denken ein, bis ich das Gefühl hatte zu platzen. Ich schloss die Augen und seufzte. Ich atmete tief ein und langsam aus und bemühte mich so, mein Herz zu beruhigen, doch es hämmerte weiter. Meine Seele brannte. Um sie zu löschen, sprang ich wie ein Steinbock auf der Flucht den Hügel zum Auto hinab, öffnete die Kofferraumtür, ließ meine Hunde hinein, schloss die Tür und stieg ein. Ich wendete mit quietschenden Reifen und preschte die kurze Distanz im Tal voran, die mich von den Jägern trennte. Jählings kreuzte ein von Panik getriebener Rehbock meinen Weg und ich konnte es der Schnelligkeit des fliehenden Tieres und dem Schutzengel verdanken, dass es nicht auf meinem Beifahrersitz Platz nahm.

Ich atmete schwer. Das war knapp, dachte ich mir, statt jedoch langsamer zu fahren, wurde ich noch schneller, raste um die Kurve und sah ihn, den ersten Mann der grünen Männer der Tat direkt vor mir.

Ich hielt an, kurbelte das Fenster hinunter und starrte zu ihm hinüber. In dem grünen Overall, den er trug, mit seinem Gewehr und dem großen Jagdmesser, welches er um seine Hüfte geschnallt hatte, sah er gefährlich paramilitärisch aus. Zum Glück ruhte sein Gewehr schön brav und regungslos auf seinen verschränkten Armen und so sah es aus, als würde er just for fun die Straße bewachen. Wahrscheinlich war es seine Aufgabe dafür zu sorgen, dass keines der Tiere über die Straße entkam, dafür zur sorgen, den gebeutelten Kreaturen ihr Dasein auszulöschen, um sie genau an dieser Stelle nicht mehr leben zu lassen, um mit der eigenen Niederträchtigkeit dem vollkommenen Leben das Ende zu bereiten. (....)

Ich hatte genug gesehen. Ich stellte den Motor ab, stieg aus dem Auto und lief die wenigen Meter zu ihm hinüber. Als ich nun unmittelbar vor ihm stand, blickte mich der Jäger urplötzlich an, als hätte er aus meiner Richtung niemanden erwartet. (....)

Was sollte also der Jäger von mir denken, als ich ihn nach der jagdrechtlichen Genehmigung fragte?

"Braucht ma net", antwortete er forsch. "Des is a Drückjagd. Da braucht ma ke Genehmigung."

Dann fragte ich ihn, warum er in seiner Freizeit auf Tiere schoss. Er antwortete: "Sonst däden uns ja die Böck uf der Nas rumdanz." Er meinte also, dass die Rehböcke den Menschen ansonsten auf der Nase herum tanzen würden. Meine dritte Frage an ihn lautete, warum die Tiere gerade hier in ihren Ruhestätten erledigt werden mussten, es reichte doch aus, wenn sie auf dem offenen Feld, auf den Lichtungen und an Waldrändern erschossen wurden. Immerhin konnte ich täglich Schüsse vernehmen. Jeden Tag ein paar Tiere, die starben, dass hätte doch eigentlich genug sein müssen.

Meine Frage schien ihn sichtlich zu nerven. Er drehte seinen Kopf weg und stammelte vor sich hin. Ich konnte ihn nicht verstehen und wiederholte daher meine Frage, höflich aber erwartungsvoll. "Is net mei Revier", antwortete er, ohne mich dabei anzusehen. Übersetzt hieß das, dass er als Gast für diese Jagd nicht zuständig sei. Also zog ich es vor, eine kleine Kletterpartie über die Leitplanke und einen Sprung über den Wassergraben zu machen und zum nächsten Jäger zu gehen. Auch dieser stand in der Nähe der Straße, jedoch etwas oberhalb, direkt an der Böschung platziert. Noch nicht ganz auf seiner Höhe, rief ich ihm zu: "Guten Tag, sind Sie für die Jagd und das Revier hier zuständig? Besitzen Sie eine Genehmigung für diese Veranstaltung?" "Hör’ gut zu", antwortete er, als gerade vier oder fünf Rehe an uns vorbei rannten. Sein begonnenes Wort schien in seinem geöffneten Mundwinkel einzufrieren. Regungslos stand er da und blickte den Rehen hinterher. Das wäre seine Beute gewesen, genau auf diesen Moment hatte er gewartet und mir schien es, als hätten auch die Tiere nur darauf gewartet, dass ich den Mann ablenken würde. Da stand er nun mit offenem Mund und leeren Händen. Ganz leicht hätte er sie umlegen können, es wäre so einfach gewesen. "Was gibt ’s", schnauzte mich der Jäger mit unerwartet scharfen Ton an. "Ich möchte kurz mit Ihnen reden", blieb ich höflich.

"Sie sehen doch, dass ich keine Zeit habe", sagte der Jäger mit unerschütterlichem Blick auf eine Hecke gerichtet. Es war jene, aus der gerade die Rehe gesprungen waren. Er blieb steif stehen. Sein Gewehr hielt er dabei weiter im Anschlag.

"Wieso schießen Sie auf Tiere", fragte ich ihn. "Wir schießen hier auf Hasen, von denen gibt ’s etliche", fauchte der Jäger zurück. "Der Mann dort vorne meinte aber zu mir, dass hier auf Rehböcke geschossen wird. Und sind Feldhasen nicht so selten geworden? Warum schießen Sie dann auf sie?" "Ja", entgegnete er genervt, "wir schießen auch auf Böcke."

Ich fragte ihn, ob es denn sein könne, dass seine Jagdgenossen wiederum auf Fasane, Enten oder Habichte schießen. "Hör zu, ich bin hier net verantwortlich, also lass mir doch mei Ruh’!"

Ich rekapitulierte, was er gesagt hatte. Gar keine schlechte Idee, jetzt den Hügel empor zu steigen, mich zwischen die Jäger und Hunde zu begeben und solange zu fragen, bis sich irgendjemand für diese Jagd zuständig erklärt. So könnte ich auch die Mehrzahl der Jäger kennen lernen und ihre Motive erfragen. Auf diese Weise könnte ich meine Freizeit sinnvoll gestalten. Am glücklichsten war ich jedoch darüber, dass ich dadurch auch das eine oder andere Tier retten konnte.

"Spinnen Sie, gehen Sie weg hier!" entgegnete mir der nächste Jäger. "Ich möchte wissen, ob Sie für diese Jagd verantwortlich sind", fragte ich ihn. "Nein", antwortete er klar und deutlich. "Und jetzt weg hier", legte er nach.

Da ich aber schon immer nach Rede und Antwort begehrte, wäre ich, was die Jäger und ihr Vorhaben betraf, für Aufklärung dankbar gewesen. Mit diesen drei Jägern war aber nicht zu reden. Von vornherein hatten sie sich auf eine Konversation mit mir nicht eingelassen. Ich konnte das Gefühl nicht loswerden, dass sie sich davor fürchteten. An diesen Jägern war alles nur mehr mechanisch gewesen, wie ein Softwareprogramm, welches sich bei seiner Aktivierung an die eingespeiste Programmierung und an sonst nichts zu halten hatte.

Ich ließ mich daher nicht aus der Ruhe bringen und fragte ihn, wer der Pächter des Reviers sei. Schließlich müsste der Pächter für diese Veranstaltung verantwortlich sein. "Das kann Ihnen scheißegal sein", meinte er frech. Während er das sagte, sprang ein Feldhase aus dem Nichts hervor, zwischen uns hindurch und rannte den Hang hinunter Richtung Straße. Ich zitterte und hoffte, dass er es schaffen würde, wartete aber auch gleichzeitig darauf, dass ein gezielter Schuss den Hasen vor meinen Augen niederstrecken würde. Mit diesem Gedanken in meinem Kopf schienen Stunden zu vergehen und so betrachtete ich den Hasen, als wären da nur noch der Hase und ich. Der Hase lief immer weiter und in meinen Gedanken sauste ich hinter ihm her. Mit jedem Sprung des Hasen verstärkte sich mein Gefühl, dass er von einer Kugel getroffen durch die Luft wirbelt und zuckend zu Boden fällt. Doch nach ein paar Sekunden war alles vorbei. Der Hase schaffte es über die Straße zu entkommen.

Ich atmete auf, Glückseligkeit machte sich für einen Moment in mir breit, als der Jäger plötzlich seine gewaltige Hand auf meine Schulter legte: "Hau ab, es ist besser für Sie, wenn Sie jetzt gehen!"

"Es gibt zwei Möglichkeiten", erwiderte ich, "Entweder Sie sagen mir, wer hier zuständig ist oder ich rufe morgen früh die Jagdgenossenschaft an." "Machen Sie doch", antwortete er ganz ruhig. "Ich bin der erste Vorsitzende der Jagdgenossenschaft. Was wir hier machen ist gesetzesmäßig. Wir haben nichts zu verbergen. Also verschwinden sie!"

Ich nickte nur, meine Hände in die Hosentaschen gepresst. Ich überlegte und wusste nicht genau weshalb, aber es schien mir das Beste, auch ihn zu fragen, warum er in seiner Freizeit auf Tiere schoss. Während ich ihn das fragte, zog er ein blutverschmiertes Tuch aus seiner Jackentasche und hielt es seinem Hund vor die Schnauze, denn dieser machte offenbar keine Anstalten, mit den anderen Hunden nach Wild zu jagen und ich hatte nicht den Eindruck, dass seine Methode daran irgendetwas änderte. Weil der Jäger dies offenbar auch so sah, steckte er das Tuch wieder in seine Tasche zurück. "Ein kluges Kerlchen sind Sie häähh?" fragte er mich. Ich spürte, wie sehr ihn meine Anwesenheit störte. "Sieben Schüsse und alle waren ein Treffer", fuhr er fort. "Ich habe hier sieben weitere Patronen und ich werde mich von Ihnen nicht aufhalten lassen, diese auch noch zu versenken. Also stören Sie mich nicht dabei und hauen Sie endlich ab!" (....)

"Sie gehen jetzt weg hier. Sie stören hier unsere Jagd", brüllte ein anderer Jäger den Hang hinab. "Die Tiere möchten hier übrigens auch ungestört leben", schrie ich lauthals zurück. "Sie können auch überleben mit ein bisschen Glück", warf der vorsitzende Jäger ein. Er stand mit seinem gelangweilten Hund immer noch direkt neben mir. "Und warum stören Sie die Tiere hier in ihren Rückzugsgebieten?" ließ ich nicht locker. "Wo sollen wir sie sonst erwischen? Die Viecher verstecken sich hier. Wir haben zu viel davon, sprechen Sie doch mal mit den Bauern und Förstern."

"Das habe ich, aber von größeren Wildschäden ist denen hier nichts bekannt." Er wurde sichtbar wütend: "Lächerlich! Ohne unsere Fachkunde gäbe es überhaupt keine Natur mehr. Wir werden gebraucht, weil wir die Natur hegen."

"Mag sein", sagte ich, "aber kann es nicht sein, dass die Natur in der Lage ist, sich selbst zu hegen? Schließlich hat sie dies viele Millionen Jahre unter Beweis gestellt."

"Ja, bis der Mensch kam", konterte er schlagfertiger, als ich es für möglich gehalten hatte.

"Sie scheinen ein kluges Kerlchen zu sein", wiederholte er sich. "Ich will Sie mal direkt was fragen: Sind Sie ein Öko?"

"Genau", antwortete ich, "ich bin ein Öko, weil ich etwas längere Haare habe und gegen die Jagd bin."

"Und Vegetarier sind Sie bestimmt auch. Richtig?"

"Ja", antwortete ich. "Vegetarier bin ich auch. Aber Sie sind sicherlich kein Vegetarier?"

"Nein", sagte er, "ich liebe Fleisch. Zart und rosa muss es sein, wenn es auf den Teller kommt."

"Zart und rosa?" vergewisserte ich mich. "Ja", antwortete er, "so schmeckt es am besten." Ich erinnerte mich an mein letztes Steak, welches ich vor über zehn Jahren aß. Es sollte das letzte Stück Fleisch in meinem Leben gewesen sein. Es war auch zart und rosa.

Ich räusperte mich argwöhnisch und blickte auf den Hund, der mich ansah und dabei seinen Kopf in Schieflage drehte. Er sah friedlich aus, viel friedvoller als sein Herrchen. "Hat denn Ihr Hund heute keine Lust zu jagen", fragte ich und hoffte, dieses damit noch etwas mehr aus der Reserve locken zu können.

"Ach, der ist alt und wird bald abgelöst."

"Abgelöst, aha", sagte ich und begegnete: "Sie meinen wohl abgeschoben oder erschossen." (....)

So stand ich noch eine Zeit lang da mit den grünen Männern der Tat, diesen hartgesonnen, abgestumpften und zu allem bereiten Maschinen, die auszogen, um den Tieren den Garaus zu machen. Ehe wir uns jedoch versahen, hatte die Dämmerung eingesetzt. Ich war der Ansicht, mein Ziel erreicht zu haben und die Jäger lang genug von ihrer Freizeitbetätigung abgehalten zu haben.

Quelle: http://www.buergeranwalt.com




Der Jäger als Artenschützer?
Die Jäger schießen hier alles ab