»Hamsterbäckchen und Pfiffiküsschen«

Prof. Richard Finke lebte mit Wildschweinen

Die Deutsche Presseagentur benennt »Professor Finke und seine Angehörigen« als »die ersten Deutschen, denen die Integration in eine freilebende Schwarzwildfamilie gelang.«
Die erste Begegnung fand 1959 statt.
Sieben Jahre lang erforschte Richard Finke das Verhalten der »Schwarzkittel«.
Der Verhaltensforscher und Nobelpreisträger Dr. Dr. Konrad Lorenz ernannte Finke zum »Keiler h.c.«.
Prof. Dr. Dr. Bernhard Grzimek verfolgte die Erlebnisse des Wildschweinfreundes von Anfang an.
Am 27. August 2003 wurde Prof. Richard Finke 95 Jahre alt.


Liest man die aktuellen Artikel in den Tageszeitungen zum Thema Wildschweine, könnte man meinen, sie seien gleich nach den Terroristen die Hauptfeinde des Menschen. Zum Glück gibt es noch Menschen wie Richard Finke, die erkannt haben, dass Wildschweine feine Wesen sind.

»Pfiffiküsschen«, »Hamsterbäckchen«, »Attila«, »große Bärin«, »Schmausi«, »Wolli« und viele andere zärtliche Namen gab Richard Finke seinen Wildscheinfreunden, um sie auseinander zu halten und bei Gelegenheit mit Namen rufen zu können.

Das »Unmögliche« dauerte sieben Jahre

Nächtelang, Sommer und Winter verbrachte Richard Finke unter seinen Schwarzkitteln, die ihn als einen der ihren akzeptiert hatten, was seinerzeit von Fachleuten als »unmöglich« angesehen wurde. Doch das »Unmögliche« dauerte sieben Jahre lang. Fast täglich, bei Wind und Wetter, betreute und beobachtete Richard Finke anfangs acht, zuletzt 43 Wildschweine. Seine große Leistung war, das Vertrauen der Wildschweine nicht nur durch Fütterung, sondern auch durch »wildschweingerechtes Verhalten« zu gewinnen.
Doch das war erst gar nicht so einfach: Fast zwei Jahre dauerte es, bis seine Sauen ihre »natürliche Scheu« ihm, seiner mithelfenden Frau und seinen Kindern völlig abgelegt hatten. Doch dann lebte er mit ihnen wie ein Schäfer mit seinen Schafen. Er kannte alle und wusste bald auch um die besonderen Angewohnheiten seiner Schützlinge. In seinem Buch »Auf Tuch- und Borstenfühlung« beschreibt Finke auf vielen Seiten seine Erlebnisse mit seinen borstigen Freunden.

Finke wurde in die Familie aufgenommen

Seine Wildschweine erkannten ihn an seiner Stimme und begrüßten ihn oft mit einem freundlichen »Ö-ö-ö« wie ihresgleichen. Bald lernte er einige Lautäußerungen zu deuten. Richard Finke beobachtete, wie Anordnungen aller Art auf dem Marsch durch den Wald regelrecht von einem Wildschwein zum andern weitergegeben wurden.
Wenn z.B. eine Fuchsfähe umherstreifte, was Gefahr für die Frischlinge bedeutete, gab die »Chefin vom Dienst«, das heißt die Bache, die gerade zum Wachdienst eingeteilt war, sofort Fuchsalarm. Augenblicklich warfen sich die kleinen Frischlinge flach auf den Boden oder blieben wie erstarrt stehen, wo sie gerade waren. Erst wenn leise Entwarnung gegeben wurde, bewegten sie sich wieder.
Finke war immer wieder gerührt, sie feinfühlig die Bachen mit den Frischlingen umgingen. Einmal konnte er beobachten, wie vier der kleinen Streiflinge »zu Bett gebracht« wurden. Die vier lagen eng zusammengekuschelt in einer Mulde. Sobald sich im Nest etwas rührte, ging eine der Bachen hin und stupste mit ihrer Nase mal hier, mal dort die Kleinen und ließ unnachahmliche Zärtlichkeitslaute vernehmen. Finke deutete sie als »Schlaft Kindchen, schlaft - es ist alles gut - wir sind ja bei euch«. Diese Laute taten auch prompt ihre Wirkung. »In der Dreiviertelstunde, die eine Abendmahlzeit aus unseren Händen immer dauerte, wiederholte sich dieser Beruhigungsgesang der sorgenden Mütter mehrere Male,« schreibt Finke in seinem Buch »Auf Tuch- und Borstenfühlung«.
»Ich hätte sie bei ihrer Rückkehr jedes Mal umarmen mögen, dankbar für das kostbare Geschenk dieses einzigartigen Einblicks in ihre liebevolle Kleinkinderbetreuung.«
Finke beobachtete die Führungsaufgaben der Bachen, die offensichtlich - je mehr Kleine sie hatten - auch mehr zu sagen hatten. Aber auch die Wildscheine lernten seine menschlichen Worte, seien es Mahnungen oder Lob, zu deuten.
Er konnte ihnen z.B. begreiflich machen, dass sie ihm nicht auf dem Heimweg folgen sollen, und dies vor allem wegen der Gefährlichkeit einer kreuzenden Bahnstrecke. Auch verstanden sie seine Handzeichen sehr wohl.
Andererseits machten auch sie sich mit Gestik verständlich. Stupsen mit der Nase hieß: »Mehr, mach weiter!« und Klopfen mit dem Kinn: »Hab mich lieb!«.

Richard Finke wurde von der Rotte als Anführer akzeptiert und zog mit ihnen durchs Revier. Sie liebten es, selbst die starken Keiler, wenn er sie hinter den Ohren kraulte. Die Bachen stellten ihm jährlich ihren neuen Wurf vor. Die Frischlinge waren von Geburt an zutraulich zu ihm.
Sie sogen wohl mit der Muttermilch bereits das Vertrauen mit auf. Wenn Drückjagd angesagt war, führte Richard Finke seine Schützlinge in Verstecke, in denen sie sicher waren. Sie gehorchten seinen Anweisungen und antworteten auf seine Rufe, sogar wenn kein Sichtkontakt bestand.

Um seine Wildschweine in der Jagdzeit generell vor den Jägern zu schützen, kam Finke in seiner Verzweiflung auf eine außergewöhnliche Idee: Er malte auf alle »seine« Wildschweine einen großen weißen Punkt - und im Winter, damit es besser auffiel, einen gelben. Den Jägern legte er nahe, keine von seinen markierten Freunden zu schießen. Nur einmal gab es Probleme, weil sich ein Wildschwein nicht von ihm bemalen lassen wollte.
Es handelte sich um Mauricia. Sie wich immer wieder aus und war nicht zu bewegen, zum Bemalen herbeizukommen. Schließlich war es schon lange nach Mitternacht und Finkes Hände waren bereits vor Kälte erstarrt.

»Mauricia« wird erschossen

Prompt erwischten die Jäger Mauricia. Aber, wie leider so oft, wurde das Tier lediglich angeschossen. Die Kugel zerschmetterte ihr das Blattschaufelgelenk und erst am nächsten Tag organisierten die Jäger eine Nachsuche.
»Mauricia war einer der führenden Bachen! Ich darf nicht daran denken, was sie gelitten hat!«, bemerkt Finke in seinem Buch. »Der Schrecken der Jagd und der Nachsuche«, schreibt Finke weiter, »müssen so groß gewesen sein, dass unsere Rotten drei Abende ausblieben. Welch nachhaltigen Schock musste das Treiben für die klugen und guten Tiere bedeuten und wie hoch war es ihnen anzurechnen, dass sie uns dennoch treu blieben, ihre bösen Erfahrungen nicht uns entgelten ließen.«

Auch wenn Finkes Wildschweine die Scheu vor ihm und seinen Freunden abgelegt hatten, konnten sie dennoch genau unterscheiden, wer nicht zur »Rotte« gehört. Sie blieben also für alle Außenstehenden unauffindbar und blieben fremden Menschen gegenüber misstrauisch. Als Finke einmal einen neuen Freund einführen wollte und diesem seinen den Schweinenasen wohlbekannten Mantel auslieh, vergrämte er seine Schwarzkittel nachhaltig. Solche »faulen Tricks« nahmen sie ihm äußerst übel und zeigten sich für eine Weile nicht mehr.

Musikalische Wildschweine

Mehrmals hat Finke erlebt, wie Wildschweine auf besondere Art auf Musik reagieren. Beim ersten Akkord der Blasmusik eines Kurkonzertes in Karlshafen beobachtete Finke z.B. vier seiner Wildschweine, wie sie ruckartig stehen blieben, lauschend die Häupter hoben und wie angewurzelt lauschten. Dann drückten sich einer nach dem andern auf den Erdboden - und das in einer ungeschützten Umgebung. Sie horchten in diesem Zustand eine volle Stunde der Musik und erhoben sich erst wieder, nachdem der letzte Ton verklungen war, um dann langsam in einer Eichendickung zu verschwinden.

Noch zweimal erlebte Finke eine ähnliche Situation. Jedes Mal blieben die Sauen beim ersten Akkord ruckartig stehen, jeweils in ungeschütztem Umfeld, und lösten sie sich erst aus dieser Bewegungslosigkeit, nachdem der letzte Ton verklungen war.

Der Schrecken des Jagdhorns

Ganz anders hingegen reagierten sie auf eine Autohube, die einen ähnlichen Dreiklang hatte wie die Jagdhörner, wenn zur Jagd geblasen wurden. Jedes Mal gerieten die Wildsauen sofort in Panik und verschwanden auf Nimmerwiedersehen. Da half kein Zureden. Also erinnerten sich die Tiere mit Schrecken an frühere Erlebnisse und wussten genau was es bedeutete, wenn das Jagdhorn erschallte.

Freiheit statt Zoo


Ein Hungerherbst nach einem Dürresommer (1959) hatte Richard Finke die ausgehungerten Wildschweine in die Hand gespielt und ein überreiches Eichel- und Bucheckern-Jahr sieben Jahre später (1966) sie ihm wieder genommen. Dazu kamen Drückjagden, die die Rotten auseinander sprengten und eine Vermischung mit einer anderen Rotte, die weitergezogen ist. Der Bürgermeister von Karlshafen machte Finke den Vorschlag, ob er seine zahmen Sauen nicht in den kleinen städtischen Zoo überführen wollte. Doch dies hat Finke mit Dank abgelehnt. »Unsere so wandergewohnten, die Freiheit der Weite liebenden Freunde in einem engen Gehege einzusperren, widerstrebte uns allzusehr. Ich bin selbst drei Jahre in Gefangenschaft gewesen.«, schreibt Finke.







Interview mit Prof. Richard Finke

Vom Saulus zum Paulus

Der Jäger Richard Finke schloss Freundschaft mit freilebenden Wildschweinen.
Und diese Freundschaft war so stark, dass er seine Flinte an den Nagel hängte.

Frage: Herr Finke, warum sind die Wildtiere normalerweise scheu und fliehen panikartig vor dem Menschen?

Richard Finke: Seit Urmenschenzeiten haben Tiere Angst vor dem Menschen, weil er »Jagd« auf sie machte, z.B. das Mammut in spitzpfähligen Fallgräben totsteinigte usw. Alles, was schwächer war als er, hat der Mensch sich angeeignet, getötet und gefressen. Diese Erfahrung der Tiere ist in ihrem Erbgut verankert. Frischlinge hingegen, deren Mütter bereits Vertrauen zu uns hatten, waren von frühester Kindheit an von dieser positiven Erfahrung »geprägt«, nach dem Beispiel des Vertrauens ihrer Mütter.

Frage: Ist dies eine Möglichkeit, das Vertrauen zu gewinnen?

Richard Finke: Es ist eine gute Möglichkeit, wenn man Tiere schon als Kleinkind auf sich »prägen« kann durch lieben, streicheln und füttern. Unsere »Kleinsten« ließen sich sogar »lieben« und »streicheln«, ohne dass wir sie fütterten!

Frage: Herr Finke, sehen sie eine Chance für die Menschheit, dass sie eines Tages mit den Tieren in Frieden lebt?

Richard Finke: Dann dürften sich die Menschen aber nicht länger für die »Krone der Schöpfung« halten - denn die Tiere sind besser! Der Mensch sollte nicht meinen, er sei besser, nur weil ihm eine Hebamme die Nabelschnur durchschneidet und sie nicht eine Bache mit ihren Zähnen durchbeißt. Solange der Mensch sich für etwas »Besseres« hält, wird er nie »Freund« für das Tier sein. Kein Tier ist zu solchen Bestialitäten fähig wie der Mensch! Meiner Meinung nach geht eine Änderung nur über Religiösität, über das Verhältnis zu Gott.
Wenn Sie sagen, man muss die Jagd bekämpfen, dann muss man auch die Menschheit bekämpfen, damit die Tiere mehr Platz haben.
So, wie es heute auf dem blauen Stern Erde aussieht, halte ich eine »Rettung« für unmöglich. Mir blutet das Herz, wenn ich denke, wieviele »Benjamins« und »Bärchen«, »Hamsterbäckchen«,, »Pfiffigküsschen«, »Attilas« und und »Juttas« heutzutage totgeschosssen werden, nur weil eine Überpopulation uns Menschen angeblich die Nahrung schmälert.

Frage: In Ihrem Buch erzählen Sie, dass Ihnen eines Tages vom Revierleiter als Geschenk ein Hirsch zum Abschuss angeboten wurde. Sie sagten darauf: »Wenn er nicht ?ne lahme Keule, einen steifen Vorderlauf und zählbare Rippen hat und sich hinstellt als wollte er sagen: `Macht Schluss mit mir, ich habe keine Freude mehr am Leben´ schieß ich ihn nicht!« - Worauf der Oberförster dann sagte, dass er mit sowas nicht aufwarten könne.
Sie waren doch jahrzehntelang Jäger, hat Sie das nicht gejuckt?


Richard Finke: Jetzt stellen Sie sich vor, da kommt eine Kugel geflogen und zerstört einen göttlichen Bauplan. Das war für mich der Grund, den guten Hirsch abzulehnen. Ich war damals vom jagdlichen Schießen schon ferner denn je, weil auch der beste Schuss die Zerstörung eines göttlichen Bauplanes ist. Ich bin vom Saulus zum Paulus geworden.

Frage: Also müssen die Menschen ihre Gewohnheiten und Tradition ändern, damit wir mit den Tieren in Frieden leben können?

Richard Finke:
Ja - ich bin der Meinung, dass dieses Ziel nur zu erreichen ist, wenn die Jäger und Büchsenmacher beten und ein anderes Handwerk ausüben. Und wenn der Fleischer das auch tut. Und auch die Fischer! Ja, ich möchte doch auch nicht am Angelhaken hängen und zappeln!

Frage: Der Legende nach war Hubertus war ein leidenschaftlicher Jäger, bis Gott ihn durch einen Hirsch zur Rede stellte. Darauf schwor Hubertus der Jagd ab und tötete fortan kein Tier mehr. Aber ausgerechnet die Jäger wählten Hubertus als ihren Schutzpatron - machen aber genau das Gegenteil von dem, was Gott durch Hubertus sagte.

Richard Finke:
Das ist eine ganz große Geschmacklosigkeit! Ich habe selber 54 Jahre gejagt, aber heute muss ich sagen, dass die Hubertusmessen und all der Zauber, mit dem sich die Jäger umgeben - wie z.B. dem toten Tier noch ein grünes Zweiglein zwischen die Zähne klemmen - nur eine Tarnung des Mordes ist.