Von Marc Buchtmann

01. Mai 2002. Ein regnerischer, trüber Tag. Anika ist mit dem Auto unterwegs. Doch dann reißt ein Lichtreflex im Straßengraben Anika aus ihren Gedanken: ein Augenpaar, das da das Licht der Scheinwerfer zurückwarf. »Eine Katze!«, ruft sie, »da liegt eine Katze im Graben!«

Natürlich hält síe an um nach der vermeintlich verletzten Katze zu sehen. Doch was sie erblickt, lässt ihren Atem stocken: Im Graben liegt ein kleines Füchschen. Alleine, verlassen und noch viel zu klein, um da »einfach so rumzuliegen«.

Der Lichtfinger von Anikas Taschenlampe streicht über das angrenzende Feld und erfasst 20 Meter weiter noch etwas: Nur wenige Schritte macht sie darauf zu und erkennt den dort liegenden toten Altfuchs. Zweifellos die Mutter von dem Kleinen.

Was soll jetzt aus dem Kleinen werden? Zwischen Tierliebe und Angst hin und her gerissen, fallen Anika alle Gruselgeschichten ein, die von der Jägerschaft über den Fuchs verbreitet werden: Niemals anfassen! Tollwut! Fuchsbandwurm! Erst jetzt dringen die herzerweichenden Schreie in Anikas Bewusstsein. Der kleine Welpe ruft nach seiner Mama.

»Ist mir ganz egal, was die Jäger sagen,«, entschließt Anika sich, »ich kann das Junge hier nicht einfach liegen lassen!« Und ohne dass es ihr selbst so richtig bewusst wird, zieht sie ihre Jacke aus und wickelt den kleinen Fuchs darin ein. Ängstlich blickt der Welpe Anika an, spürt jedoch die Wärme und hört zum Glück auf, so jämmerlich zu schreien.

Am nächsten Morgen bekommt das Waisenkind ein Frühstück aus Katzenfutter und schläft satt und den Umständen entsprechend zufrieden wieder ein.
Doch Anika macht sich große Sorgen. Sie kann den Fuchs nicht behalten. Und - darf man das überhaupt?
Anika selbst hat viele Katzen, einen Hund und eine viel zu kleine Wohnung, in der sie auch nur zur Miete wohnt. Doch wo bekommt sie Hilfe? Über die Untere Jagdbehörde?
Anika glaubt ihren Ohren nicht zu trauen: »Sie haben das Tier unrechtmäßig der Natur entnommen«, sagt der Mann am Telefon, »bringen Sie es mal schnell wieder dahin, wo sie es weggenommen haben. Irgendwo wird schon ein erwachsener Fuchs sein, der sich um den Welpen kümmert. Und wenn nicht, ist das eben der Lauf der Natur und der Welpe wird verenden. Sie jedenfalls haben nicht das Recht, in den Kreislauf der Natur einzugreifen. Wenn Sie das nicht wollen, sagen Sie mir, wo Sie wohnen. Ich schicke Ihnen den Jagdpächter, der erschießt den Fuchs in Ihrer Garage. Dann hat er es hinter sich. Das geht ganz schnell und er hat auch keine Schmerzen dabei.«
Völlig entsetzt, wirft Anika den Hörer auf die Gabel.

Fast genau so ernüchternd der Anruf bei einer Wildtier-auffangstation: »Bringen Sie den Fuchs her, wir schläfern ihn ein und entsorgen ihn. Es gibt 40% zu viele Füchse, darum geben wir keine Gelder für die Aufzucht aus.«
Anfragen per e-mail an einen nahen Wildpark bleiben unbeantwortet.

Mutlos über soviel negative Antworten, sobald die Leute das Wort »Fuchs« hören, versucht Anika trotzdem immer weiter über das Internet eine Kontaktadresse zu finden und kommt so, über ein paar Umwege, an meine Telefonnummer.

Viele Fuchswaisen im Frühjahr

»Schon wieder ein Fuchswelpe«, sage ich zu meinem Freund, als ich das Gespräch mit Anika beendet habe. »Es nimmt dieses Jahr kein Ende. Verdammt noch mal, warum glauben die Leute alle diesen Unsinn, den die Grünröcke über Füchse verbreiten?!« »Reg\' dich nicht auf«, versucht mein Freund mich zu beruhigen. »Das ist doch nichts Neues für uns. Lass uns lieber überlegen, ob wir irgendwo noch ein Zuhause für das Tier finden.«

Meine Freundin Katharina L. fällt mir ein. Am nächsten Tag wollte ich ohnehin zu ihr fahren und mal wieder schauen, was die beiden Füchse Bingo und Mogli so machen, die seit sechs bzw. zwei Jahren bei ihr leben. Beides sind Fundtiere und auf ähnlichem Wege zu Katharina gekommen. Die zuständigen Jagdpächter sehen immer nur eine Lösung: Töten. So hieß es bei Mogli: »Klatschen Sie ihn an die Wand!«
Vielleicht kann ich Katharina überreden, den kleinen Gismo, wie Anika ihn inzwischen genannt hat, in ihre Obhut zu nehmen.

Als echte Fuchsfreundin würde Katharina am liebsten hundert Füchse und mehr aufnehmen. Doch nicht zuletzt ist es auch ein finanzielles Problem und so kommt mir eine Idee: Wie, wenn ich die Patenschaft für Gismo übernehme? So kommt er in beste Hände und kann trotz der schlimmen Erlebnisse ein glücklicher Fuchs werden.

Ein Platz für Gismo wird gefunden

Zwei Tage später beginnt für Gismo eine lange, aufregende Reise. Zwischen Fundort und neuem Zuhause liegen 900 km. Eine Reise quer durch Deutschland. Anika bringt den kleinen Kerl bis zu mir, da ich zufällig ziemlich genau in der Mitte der Strecke liege. Bei dem Zwischenstop bieten wir Gismo Wasser und Futter an, doch er ist so aufgeregt und voller Angst, dass er nichts annimmt.
»Was denkst du, wie alt er ist?«, fragt Anika mich. »Ich schätze ihn auf 4-6 Wochen.« »Wäre er alleine durchgekommen?«, fragt Anika weiter. »Auf keinen Fall«, winke ich ab. »Füchse werden erst mit etwa 6 Monaten selbstständig. Wenn es nicht anders geht, kommen sie auch mit 5 Monaten alleine zurecht. Gismo aber hätte keine Chance gehabt. Du hast ihm das Leben gerettet!«
Am späten Nachmittag erreichen wir unser Ziel. Behutsam trage ich Gismo in Katharinas Küche, stelle ihn auf den Boden und öffne die Tür der Box. Dann verhalten wir uns ruhig und warten gespannt, was passiert. Nach 10 Minuten wagt Gismo sich aus der Box. Vorsichtig, eine Pfote vor die andere setzend, schleicht er durch die Küche und wird von Minute zu Minute ruhiger. Ob das an Bingo und Mogli liegt? Zwar hat er sie noch nicht gesehen, aber bestimmt nimmt er ihre Witterung auf und sie signalisieren: »Alles ok.«
Schließlich legt der Kleine sich in eine Ecke, sichtlich müde und erschöpft von den Strapazen des Tages. Katharina holt eine Dose Katzenfutter und beginnt damit, Gismo zu füttern.
Erst hat er Angst, als schon wieder eine ungewohnte Person auf ihn zukommt. Doch schnell merkt er, dass es was Gutes gibt, und jetzt kommt sein Hunger doch durch. Stück für Stück futtert er weg, bis die Dose halb leer ist. Zum Nachtisch gibt\'s Joghurt - und zum ersten Mal sehe ich das Kerlchen ganz vertraut den Löffel ablecken, so als hätte er das schon immer getan. Mit vollem Bauch siegt die Müdigkeit und Gismo schläft tief und fest ein.

Mogli adoptiert Gismo

Am nächsten Tag stellt Katharina ihren beiden Füchsen den Neuen vor. Während Bingo so tut, als ginge sie das alles nichts an, scheint Mogli von dem Kleinen begeistert zu sein. Immer wieder will er Kontakt zu Gismo aufnehmen und lässt sich von den Zurückweisungen nicht einschüchtern. In der Ruhe liegt die Kraft! Und so dauert es gar nicht lange, bis Mogli und Gismo, wie Vater und Sohn, zusammen liegen.

In den nächsten Wochen lebt Gismo sich ein, kräftig unterstützt von seinem neuen Papa. So lernt er nicht nur über Katharina, sondern auch durch Mogli, die Katzentoilette zu benutzen und viele andere Dinge. Inzwischen ist er entwurmt, denn fast jeder junge Fuchs hat Spulwürmer oder Koczidien. Entgegen der Meinung vieler Menschen sind sie aber für uns ungefährlich. Hunde haben übrigens die selben »Probleme«, und der allseits gefürchtete kleine Fuchsbandwurm ist viel mehr ein Märchen, als dass er auf Tatsachen beruht. Die Wahrscheinlichkeit von einem herunterfallenden Dachziegel erschlagen zu werden, ist einige 100 Mal größer, als die, sich am Fuchsbandwurm zu infizieren. Das ist alleine schon auf die Tatsache zurückzuführen, dass diese Parasiten bei weitem nicht so häufig unter den Füchsen vorkommen, wie es uns die Jägerschaft glauben machen will. Auch die Verbreitung wird hochgespielt. Gezielte Panikmache, um das Töten von 650.000 Füchsen jährlich zu rechtfertigen. Und dasselbe trifft auch auf die Tollwut zu.

Warum müssen Tiere Angst vor uns Menschen haben?

Mittlerweile ist Gismo ein stattlicher junger Fuchs geworden. Und obwohl er sich bei Katharina, Bingo und Mogli sehr wohl fühlt, kommen die Gefühle von Freiheit und einem eigenen Revier durch. Die nächsten Monate werden zeigen, ob Gismo ein Hausfuchs bleiben will, so wie Bingo und Mogli. Oder ob er sich für das Leben in Freiheit entscheidet, wobei er leider nicht weiß, wie gefährlich dieses Leben für ihn wäre. Gismo wird nie wieder die Scheu vor dem Menschen bekommen, die er bräuchte, um überhaupt eine Überlebenschance zu haben. Das von der Jägerschaft absichtlich verbreitete schlechte Image der Füchse macht eine Auswilderung für Gismo eigentlich unmöglich. Wenn er sich irgendwo in der Nähe von Menschen blicken ließe und nicht sofort in wilder Panik flüchtet, würde man ihn wegen Verdachts auf Tollwut töten. Und auch vor einem Jäger mit angelegtem Gewehr liefe er nicht davon, sieht er doch im Menschen keine Gefahr.
Wir haben es den Jägern zu verdanken, dass die Tierwelt panische Angst vor uns hat. Und dass viele Menschen Angst vor Tieren haben, die völlig unbegründet ist.

Informationen rund um Füchse:
Marc Buchtmann, Wilhelm-Raabe-Str. 16, 32105 Bad Salzuflen
email:
mailto:info@wir-fuechse.de
Internet:
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