»Einige beschreiben die Jagd als Kick, andere sprechen von großer innerer Zufriedenheit. Die Gefühle bei der Jagd sind ebenso subjektiv wie in der Liebe. Warum genießen wir sie nicht einfach, ohne sie ständig rechtfertigen zu wollen?« · Bild: www.respektiere.at



"Warum jagen wir?"



- Antworten einer Jagdredakteurin

Die Frage »Warum jagen wir?« beantwortet die Jagdredakteurin Silke Böhm im Editorial einer Jägerzeitschrift wie folgt: »Warum brauchen wir eigentlich für alles - auch für die Jagd - eine hieb- und stichfeste Begründung? Warum kann man sich nicht einfach fallen lassen? Nur einmal machen, was einem gut tut. Ohne Steuerung, ohne Erklärung, einfach auf Gefühle, Intuition und Instinkte verlassen?« Sie könne ihre vielen Emotionen, die sie beim Jagen empfinde, nicht in Worte fassen.

»Einige beschreiben die Jagd als Kick, andere sprechen von großer innerer Zufriedenheit. Die Gefühle bei der Jagd sind ebenso subjektiv wie in der Liebe. Warum genießen wir sie nicht einfach, ohne sie ständig rechtfertigen zu wollen?«

Rationale Gründe, mit denen Jäger rechtfertigen, dass die Jagd notwendig sei, sind offenbar nur Ausreden. Jedenfalls schreibt die Jägerin: »Der Tod, der mit dem Beutemachen verbunden ist, ist verpönt. Deswegen suchen die Jäger Begründungen in Begriffen wie Nachhaltigkeit, Hege und Naturschutz. Die Lust am Jagen wird gern in der Öffentlichkeit in den Hintergrund gedrängt. Weshalb die Freude leugnen, die uns so gut tut und die uns zu dem macht, was wir sind - Menschen.« (Silke Böhm, Editorial Wild und Hund 22/2012)



»Der Tod, der mit dem Beutemachen verbunden ist, ist verpönt. Deswegen suchen die Jäger Begründungen in Begriffen wie Nachhaltigkeit, Hege und Naturschutz.« · Bild: Pelli



Jagd als "Weltkulturerbe"?

Wild und Hund-Chefredakteur Heiko Hornung überschreibt sein Editorial in Ausgabe 3/2016 mit »Menschheitserbe«. Hier heißt es unter anderem: »Mensch sein heißt Jäger sein«. Weiter ist zu lesen:

»Wer glaubt, der Mensch könne oder müsse jetzt – auf einer höheren Zivilisations- und Kulturstufe angelangt – seinem Jägererbe abschwören, weil ihn nur das zu einem geistig höheren Wesen mache, begreift den Menschen nicht mehr als Teil der Natur. Ihre Fehldeutung und Verleugnung ist der letzte und traurige Sieg des Menschen über die Natur. Vor diesem Hintergrund ist es längst überfällig, dass die Jagd ähnlich der Falknerei zum immateriellen Weltkulturerbe erklärt wird.« (Heiko Hornung in Wild und Hund, Editorial Ausgabe 3/2016)

Doch was ist nun dieses angebliche »Jägererbe«, mit dem der Mensch sich als »Teil der Natur fühle« und dass er nicht verleugnen solle? Dem Jagdredakteur zufolge hat es mit »einer höheren Zivilisations- und Kulturstufe« und dem Menschen als einem »geistig höheren Wesen« nichts zu tun. Es scheint also tiefer angesiedelt zu sein, in archaischen Trieben.

Sicher, der Mensch war schon in der Steinzeit Jäger. Aber Menschen führen auch seit der Steinzeit Krieg, töten, quälen, vergewaltigen, ohne dass dies ein »Kulturerbe« genannt würde. Unter »Kulturerbe« versteht man doch im Allgemeinen höhere Errungenschaften wie Kunst, Musik oder Theater.



Treibjagd auf Hasen Schon seit 1995 steht der Hase auf der Roten Liste der bedrohten Arten. Dennoch schießen Jäger in Deutschland an die 250.000 Feldhasen tot. · Bild: Freiheit für Tiere



Ein Jäger und Journalist:



"Ich jage, also bin ich"

Der Jäger und Journalist Eckard Fuhr versucht sich im ZEIT Magazin als Philosoph, indem der den philosophischen Grundsatz »Ich denke, also bin ich« abwandelt:

»Wenn es mir nur um Erholung in der Natur ginge, würde ich Golf spielen. Aber Golf ist für mich so ziemlich das Unsinnigste, was es gibt. Jagen dagegen ist Sinn schlechthin. Jagen ist keine Neben-, sondern eine Hauptsache. Ich jage, also bin ich.«

Die Frage, warum er jage, beantwortet er so: »Und natürlich, ich gebe es zu, Jagd ist aufregend. Ein wild lebendes Tier zu erbeuten ist etwas anderes, als eine alte Henne mit dem Hackebeil in ein Suppenhuhn zu verwandeln. Auch nach vielen Jahren habe ich mit dem Jagdfieber zu kämpfen. Pulsfrequenz und Adrenalinspiegel steigen, wenn sich jagdbares Wild zeigt. Das Schießen verlangt Selbstbeherrschung. Wenn das tote Reh dann gefunden ist, stellt sich ein unvergleichliches Gefühl innerer Zufriedenheit ein. Doch, vergleichbar ist es: Nach erfolgreicher Jagd fühlt man sich wie nach gutem Sex oder nach dem Schreiben eines Textes, den man für gelungen hält.« (Eckard Fuhr: Jagd - Hat der einen Schuss? ZEIT Magazin 48/2010)

Eine »Notwendigkeit« der Jagd für die Natur, den Wald oder die Allgemeinheit ergibt sich daraus nicht. Andere Menschen gehen zum Bungee-Jumping, um den Adrenalinspiegel zu pushen. Aber dafür muss niemand leiden und sterben.



»Nach erfolgreicher Jagd fühlt man sich wie nach gutem Sex« · Bild: Freiheit für Tiere



Schüsseltreiben" nach der Jagd Nach der Jagd treffen sich die Jäger in der Jagdhütte zum gemeinsamen Wildfleischessen und »Tottrinken« des Wildes. Alkohol fließt also in Strömen. Dazu gibt es »lustige Spiele«. Ein Höhepunkt ist die »Erstlingstaufe« von Jägern und Treibern.



 



Von der Lust am Töten

Unter dem Titel »Neue Gedanken zur Lust an der Lust zwischen Erleben und Erlegen« spricht Prof. Dr. Gerd Rohmann von der »Lust zum Beutemachen...« und vom »Kick« (erlebt im Akt des Erlegens und Tötens):

»Denn darin, dass wir das Naturding Wild töten und dabei einen exorbitanten Lusteffekt erleben, erweist es sich empirisch, dass wir etwas ganz Besonderes in unserem Inneren erfahren... Mit der Jagd ist es ähnlich wie mit der Liebe: Das erotische Erleben liegt auf dem Weg zum Höhepunkt. Das Ziel liegt nämlich nicht im schnellen Schuss, sondern im Erstreben und Erleben eines gemeinsam erreichten anhaltenden Höhepunktes...« Den emotionalen Höhepunkt seiner Jagd, den »Kick«, erlebe der Jäger immer dann, wenn er den todbringenden Schuss auslöse. (Gerd Rohmann: Neue Gedanken zur Lust an der Lust zwischen Erleben und Erlegen. Vortrag bei der Jahrestagung 2004 Forum Lebendige Jagdkultur e.V.)

Nun erfolgt Sex im Allgemeinen im beiderseitigen Einverständnis der Beteiligten. Andernfalls ist es eine Vergewaltigung und damit strafbar. Der Vergleich von Jagd und Sex hinkt also ziemlich erheblich.

»Der Jäger liebt die Natur wie der Vergewaltiger sein Opfer«, so brachte es Karin Hutter bereits 1988 in ihrem Buch »Ein Reh hat Augen wie ein sechzehnjähriges Mädchen« auf den Punkt. (Karin Hutter: Ein Reh hat Augen wie ein sechzehnjähriges Mädchen. Das Antijagdbuch. Freiburg im Breisgau, 1988)



» Mit der Jagd ist es ähnlich wie mit der Liebe: Das erotische Erleben liegt auf dem Weg zum Höhepunkt. Das Ziel liegt nämlich nicht im schnellen Schuss, sondern im Erstreben und Erleben eines gemeinsam erreichten anhaltenden Höhepunktes...« · Bild: Pelli



Ein Jäger bekennt:



"Auf die Jagd gehen wir,



weil sie uns Genuss und Lust bereitet"

Der Jäger und Rechtsanwalt Dr. Florian Asche räumt in seinem Buch »Jagen, Sex und Tiere essen: Die Lust am Archaischen« mit den gängigen Begründungen für die Jagd auf: Jäger als Ersatz für Großraubwild, Jäger als Bekämpfer von Wildschäden und Seuchen, Jäger als Naturschützer und Biotop-Pfleger, Waidgerechtigkeit... Ein Jäger, der diese Gründe für die Jagd anführe, würde lügen, so der jagende Rechtsanwalt. Und er gibt offen zu:

»Wir jagen nicht, um das ökologische Gleichgewicht herzustellen. Zumindest ist das nicht das auslösende Motiv unserer Anstrengungen. Es ist nur eine Rechtfertigung für unsere Triebe und Wünsche, die viel tiefer gehen als die Erfordernisse der Wildschadensvermeidung und des ökologischen Gleichgewichts. Deren Anforderungen regeln höchstens, wie wir jagen, nicht aber ob wir es tun.«

Demnach ist die Motivation für die Jagd die »Lust«. Alle anderen Begründungen, mit denen Jäger ihr blutiges Hobby rechtfertigen, sind nur vorgeschoben. Asche formuliert es so:

»Wir verwechseln zu gern die erfreulichen und wichtigen Begleiterscheinungen, die unser Tun rechtfertigen sollen, mit dessen wirklichen Gründen. Sex haben wir, weil er uns Lust und Genuss bereitet. Auf die Jagd gehen wir, weil sie uns Genuss und Lust bereitet.«

Der Jäger Dr. Florian Asche bekennt sich zum Archaischen: Der Jagdtrieb sei wie der Sexualtrieb in unserem Reptiliengehirn und im Limbischen System angelegt. Diese Triebe auszuleben sei
wichtig für die seelische Gesundheit. Während Sex zu unserem Alltag gehöre, gehe der moderne Mensch aber so »verspannt« mit »Tod und Töten« um, beklagt Asche. (Florian Asche: Jagen, Sex und Tiere essen: Die Lust am Archaischen. Neumann-Neudamm, 2012)

Nun fragt sich jeder Nicht-Jäger zu Recht, ob das hobbymäßige Töten von Tieren nicht viel eher einen negativen Einfluss auf die seelische Gesundheit hat. Oder man fragt sich, ob die seelische Gesundheit nicht etwas gestört ist, wenn man davon schwärmt, wie lustvoll es ist, den Tötungstrieb auszuleben.

Der Wissenschaftsjournalist Gerhard Staguhn stellte in seinem Buch »Tierliebe - eine einseitige Beziehung« schon vor über 20 Jahren fest: »Findet außerhalb der Jägerei ein Mensch einen besonderen Lustgewinn daran, ein Tier zu töten, wird er von Psychologen als seelisch schwer gestört eingestuft.« (Gerhard Staguhn: Tierliebe: Eine einseitige Beziehung. Carl Hanser, 1996)



»Wir jagen nicht, um das ökologische Gleichgewicht herzustellen. Zumindest ist das nicht das auslösende Motiv unserer Anstrengungen. Es ist nur eine Rechtfertigung für unsere Triebe und Wünsche, die viel tiefer gehen als die Erfordernisse der Wildschadensvermeidung und des ökologischen Gleichgewichts. ... Auf die Jagd gehen wir, weil sie uns Genuss und Lust bereitet.« · Bild: Archiv



Landesjägermeister ruft Jäger auf,



sich zur "Jagdleidenschaft" zu bekennen

Der 2016 verstorbene Tiroler Landesjägermeister-Stv. Ernst Rudigier bezeichnete Begründungen der Jäger wie Regulierung von Wildbeständen, Waldschadensverhütung, Naturschutz, Tierschutz, Beschaffung von hochwertigen Lebensmitteln als »Heuchelei«:

»Wir Jäger und Jägerinnen sollten uns ehrlich und aufrichtig dazu bekennen, wofür wir unser Geld ausgeben und warum wir so viel Zeit und auch Arbeit in die Jagd investieren; nämlich, dass wir jagen und unsere Jagdleidenschaft ausleben können! Auch sollten wir ganz offen dazu stehen, wie wir das Jagen für uns einschätzen – als Lebenseinstellung, Berufung, Leidenschaft, Trophäensammelleidenschaft oder weiß sonst wie noch, und uns nicht in einer unnötigen ‚Rechtfertigung’ Lügen bedienen, die als unglaubwürdig erkannt werden.« (Ernst Rudigier: Warum jagen wir? Jagd in Tirol, Mai 2013)



Tausende Jäger besuchten im Februar 2017 die Jagdmesse »Hohe Jagd« in Salzburg. Veranstalter von Trophäenjagden behaupteten gegenüber einer immer kritischer werdenden Presse, der Jagdtourismus trage sehr wohl zum Arten- und Naturschutz bei, zum Beispiel gegenüber dem ORF. (Debatte über Sinn der Trophäenjagd. ORF Salzburg, 17.2.2017) · Bilder: www.respektiere.at



 



Ein Psychoanalytiker und Jäger bekennt:



"Jagd eröffnet einen Freiraum für Verbrechen



bis zum Mord und für sexuelle Lust"

Vielleicht kann bei der Analyse der Jäger-Psyche der Neurologe und Psychoanalytiker Dr. Paul Parin - ebenfalls begeisterter Jäger - weiterhelfen: In seinem Buch »Die Leidenschaft des Jägers« ergründet der 2009 verstorbene Psychoanalytiker ungeschminkt die Leidenschaft, die Passion, das Jagdfieber:

»Seit meinen ersten Jagdabenteuern weiß ich: Jagd eröffnet einen Freiraum für Verbrechen bis zum Mord und für sexuelle Lust, wann und wo immer gejagt wird.«

Jagd sei noch mehr als ein Freibrief zum Töten:

»Verbote gelten nicht mehr. Wenn man über Jagd schreibt, muss man über geschlechtliche Lust schreiben und über Grausamkeit und Verbrechen... Die wirkliche Jagd ist ohne vorsätzliche Tötung nicht zu haben. Leidenschaftlich Jagende wollen töten. Jagd ohne Mord ist ein Begriff, der sich selber aufhebt... Und weil es sich um Leidenschaft, Gier, Wollust handelt - um ein Fieber eben - geht es in diesem Buch um sex and crime, um sexuelle Lust und Verbrechen jeder Art, um Mord und Lustmord.«

Paul Parin beschreibt in seinem Buch, wie er den Höhepunkt beim Schuss als Orgasmus erlebte, als er als Dreizehnjähriger seinen ersten Haselhahn schoss:

»Ich drücke ab, höre keinen Knall, spüre den Rückstoß nicht. Ich bin aufgesprungen, blind und taub stehe ich da. Eine unerträgliche Spannung, irgendwo im Unterleib, etwas muss geschehen. Plötzlich löst sich die Spannung, in lustvollen Stößen fließt es mir in die Hose, nein, es ist das, der wunderbare Samenerguss, der erste bei Bewusstsein. Ich stehe aufgerichtet, das Gewehr in der Linken, kann wieder hören und kann sehen. - Dort liegt die Beute, ein Haufen bunter Federn.«

Paul Parin gibt zu, dass die Tiere unter der Jagd leiden. Und er weiß auch, dass Rechtfertigungen wie »Überpopulation«, »Verbiss«, »Jäger als Ersatz für Raubtiere« Jägerlatein sind: Prof. Carlo Consiglio habe mit seinem Buch »Vom Widersinn der Jagd« bewiesen, dass es aus biologischen oder ökologischen Gründen keine Rechtfertigung für die Jagd gebe.

Zwar müssten - so Paul Parin - alle erdenklichen Argumente dafür herhalten, um die Jagd von jedem moralischen Makel freizusprechen. »Und doch ist die Jagd der einzige normale Fall, bei dem das Töten zum Vergnügen wird...« (Paul Parin: Die Leidenschaft des Jägers. Europäische Verlagsanstalt, 2003)

Irgendwie kann man sich beim Lesen solcher Abgründe der menschlichen Seele eines fassungslosen Schauderns nicht erwehren.

Der erste Präsident der Bundesrepublik Deutschland, Prof. Dr. Theodor Heuss, formulierte schon vor über einem halben Jahrhundert sehr treffend:
»Jägerei ist eine Nebenform von menschlicher Geisteskrankheit.« (Theodor Heuss: Tagebuchbriefe 1955-1963, hg. v. Eberhard Pikart, Tübingen/Stuttgart 1970, S. 106)



»Seit meinen ersten Jagdabenteuern weiß ich: Jagd eröffnet einen Freiraum für Verbrechen bis zum Mord und für sexuelle Lust, wann und wo immer gejagt wird.« · Bild: Archiv



Ortega y Gasset:



"Blut hat eine orgiastische Kraft..."

Kein anderer Philosoph hat sich der Jagd wohl in der Weise angenommen wie José Ortega y Gasset (1883 -1955) in seinen »Meditationen über die Jagd«. Darin schwärmte er über die Jagdlust geradezu martialisch:

»Blut hat eine orgiastische Kraft sondergleichen, wenn es überströmt... und das herrliche Fell des Tieres befleckt.«

Doch trotz Bekenntnis zu archaischer Triebgesteuertheit war für Ortega y Gasset schon vor etwa 75 Jahren klar:
»Fernab davon, eine von Vernunft gelenkte Verfolgung zu sein, kann man vielmehr sagen, dass die größte Gefahr für das Fortbestehen der Jagd die Vernunft ist.« (José Ortega y Gasset: »Meditationen über die Jagd«. 1943)

Wie lange wird sich die Öffentlichkeit durch vorgeschobene Rechtfertigungen für ein blutiges Hobby noch täuschen lassen?



»Blut hat eine orgiastische Kraft sondergleichen, wenn es überströmt... und das herrliche Fell des Tieres befleckt.« · Bild: Pelli



 



"Kick" beim Töten: Dissertation eines Jägers

Über den »Jagdtrieb« und den »Kick« beim Töten hat ein Jäger sogar eine Doktorarbeit geschrieben. In seiner Dissertation »Die Jagd als Mechanismus der biotischen und kulturellen Evolution des Menschen« schreibt Günter R. Kühnle:

»Weltweit wird die Wildjagd unserer Zeit selten noch aus rein praktischen Motiven (z. B. Nahrungsjagd), sondern um eines starken emotionalen Erfolges Willen (der Kick beim Töten des Tieres, Freude, Glück, Zerstreuung, Entspannung, Abenteuer) oft mit großer Leidenschaft und Hingabe betrieben. ... Für die modernen Jäger unserer Zeit bedeutet das Töten des Wildes notwendige Bedingung zum Erreichen des oft leidenschaftlich intendierten emotionalen Ereignisses (der Kick).«

Kühnle beschreibt den erlebten Kick beim Töten des Wildes als »die Erfahrung einer extremalen Befriedigung vermittels (virtueller) Macht über die dem Menschen mit dem Bewusstsein der Endlichkeit (Todesangst) unbeherrschbar und unabwendbar bedrohlich erscheinende Natur«. (Günter R. Kühnle: Die Jagd als Mechanismus der biotischen und kulturellen Evolution des Menschen. 2003)

Europas größte Jägerzeitschrift »Wild und Hund« widmete dieser Dissertation einen großen Artikel über Triebforschung. Unter der Überschrift »Keine Angst vor der Lust« sollte Jägern Mut gemacht werden, offen zu ihrem Jagdtrieb zu stehen:

»Beim Erlegen des Wildes erleben Jäger einen Kick und zu dem sollten sie sich bekennen.« (Keine Angst vor der Lust. Wild und Hund 24/2003)



»Keine Angst vor der Lust« Artikel über Triebforschung - WILD UND HUND 24/2003 - Anklicken zur Vergrößerung



In Anlehnung an Kühnles Doktorarbeit erklärt der Artikel, wie der Jäger durch das Töten von Tieren sich unbewusst das Gefühl verschaffe, die Natur mit ihrer beängstigenden Todes­gewissheit zu beherrschen und so die Todesangst zu überwinden. Der Jagdtrieb sei laut Kühnle eine »genetische Dispositionen«: Im Jägergehirn wirke »ein kulturspezifischer Elementartrieb, der in Geist-Gehirn-Interaktion Jagdmotivation generiert«.

Nun sind in Deutschland nur 0,4 Prozent der Bevölkerung Jäger. Das bedeutet: 99,6 Prozent der Deutschen ist dieser Jagdtrieb offenbar nicht angeboren - oder sie können mit ihren Trieben auch anders umgehen.

Der Psychoanalytiker Prof. Dr. Arno Gruen bezweifelt, dass der Jagdtrieb »angeboren« oder »genetisch bedingt« sei:

»Wir sollten uns darüber im Klaren sein, dass der Ursprung dieser Bedürfnisse nicht in einer genetischen Struktur oder Naturgebundenheit liegt, sondern in den Gefühlen der Minderwertigkeit, des Mangels an persönlichem Wert und der Unfähigkeit, Unsicherheit zu ertragen. Folglich ist das Streben, absolute Sicherheit und Unverletzbarkeit dadurch herbeizuführen, indem man Menschen, Völker, Tiere und die Natur beherrscht, zu einer fiktiven, aber auch äußerst gefährlichen Fiktion geworden.« (Arno Gruen: Die Jagd auf Mensch und Tier. 2006)



Warum also jagen Jäger?

Kommen wir zurück zu unserer Ausgangsfrage: Warum jagen Jäger? Die Antwort: Jäger gehen nicht auf die Jagd, um den deutschen Wald vor Rehen und Hirschen zu retten. Jäger gehen nicht auf die Jagd, um die Landwirtschaft vor der Verwüstung durch Wildschweinhorden zu retten. Jäger gehen nicht auf die Jagd, um die Bevölkerung vor Seuchen zu schützen. Jäger gehen nicht auf die Jagd, um angebliche Überpopulationen zu regulieren. Jäger gehen nicht auf die Jagd, um Naturschutz zu betreiben - niemand macht den Jagdschein, um Hecken zu pflanzen und Biotope anzulegen. Jäger gehen nicht auf die Jagd, um Tiere zu sehen und die Natur zu erleben - das könnten sie zum Beispiel auch mit einer Kamera, dafür braucht man kein Gewehr.

Jäger schießen Tiere tot, weil es ihnen einen »Kick« verschafft, weil sie eine triebgesteuerte »Freude am Beutemachen« haben. Doch rechtfertigen der »Kick« und die »Freude am Beutemachen« das Töten von über 5 Millionen Wildtieren und den Abschuss von etwa 30.000 Hunden und über 300.000 Katzen jedes Jahr? Rechtfertigt das Ausleben eines »Jagdtriebs« über tausend Verletzte und -zig Tote durch Jagdunfälle und Straftaten mit Jägerwaffen Jahr für Jahr?

Ist der bei manchen Menschen angeblich angeborene Jagdtrieb eine Rechtfertigung für das Töten von Tieren - und das auch noch als Hobby?

Der bekannte Philosoph Richard David Precht verweist in seinem Bestseller »Tiere denken« darauf, dass nur 0,4 Prozent der Deutschen (Hobby-)Jäger sind und merkt dazu an:

»Immerhin: Mehr als 99 Prozent der deutschen Bevölkerung scheinen diesen Trieb nicht zu verspüren, zumindest nicht in dem Maße, dass sie es für nötig befinden, dann und wann eigenhändig ein paar Tiere zu töten.«

Schließlich widerspreche es auch dem ethischen Kodex liberaler Gesellschaften aufs Äußerste, vermeintliche Urtriebe wie Mordlust oder Vergewaltigungsfreuden ungestraft zu lassen:

»Keinem Mörder und keinem Triebtäter nützt es mithin nur entfernt, zur Rechtfertigung seiner Gelüste an archaische Bedürfnisse zu appellieren. ... Wer in den Wald geht und allein zur eigenen Freude mutwillig Tiere tötet, begeht eine Tätigkeit, die unvereinbar ist mit dem ethischen Selbstverständnis moderner Gesellschaften, wie es unter anderem das Tierschutzgesetz festschreibt: Einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zuzufügen ist verboten – und sportliche Tötungsfreude ist nach Auffassung eines liberal-demokratischen Staates kein ‚vernünftiger Grund’.« (Richard David Precht: Tiere denken. Goldmann, 2016, S. 349/350)

Gegenüber dem STERN erklärte Precht: »Spaß daran zu haben, Tiere im Wald zu erschießen, ist für mich ein sonderbares Verhalten und absolut kein vernünftiger Grund zu töten. Genau das verbietet im Grunde das Tierschutzgesetz. Die Lust-Tötung.«

Auf die Anmerkung des Interviewers, die Jägerschaft betone immer wieder ihren ökologischen Auftrag, antwortet der Philosoph: »Ach was. Die Jägerei ist heute eine Mischung aus Romantik und Tötungswillen. Der Jäger jagt ja nicht aus ökologischen Gründen, wie er vorgibt. Dann würden Förster diesen Job erledigen. Oder man würde auf die Winterfütterung verzichten oder den Tieren Antibabypillen ins Futter mischen, um die Bestände zu regulieren.« (Richard David Precht über sein Plädoyer für mehr Tierrechte. STERN, 13.10.2016, S. 122ff)

Ist es nicht an der Zeit zu sagen: Es gibt im 21. Jahrhundert keine Rechtfertigung mehr, den blutigen Krieg gegen unsere Mitgeschöpfe in Wald und Flur fortzusetzen?



»Spaß daran zu haben, Tiere im Wald zu erschießen, ist für mich ein sonderbares Verhalten und absolut kein vernünftiger Grund zu töten. Genau das verbietet im Grunde das Tierschutzgesetz. Die Lust-Tötung.« · Bild: Archiv




Waffengeile Jäger
Jäger unter sich