Rede vor dem Berliner Reichstag, Okt. 2001 



Herr Eicher, Sie wollen die Jagd abschaffen?
Kurt Eicher: Die Abschaffung der Jagd muss zentrales politische Thema werden. Wir müssen einfach erkennen, dass eine Minderheit von 0,4 % in unseren Wäldern haust wie die Vandalen. Sie erschießen unsere wilden Tiere. Die letzte Restnatur wird von völlig unkompetenten Menschen einfach zurechtgeschossen nach irgendwelchen Plänen, die sie selbst entworfen haben. Es muss Schluss sein damit. Wir müssen es fertig bringen, diese Natur, diese Tiere, zu schützen vor einem solchen gewalttätigen Zugriff.

Warum wollen Sie die Jagd abschaffen?

Kurt Eicher: Jedes Jahr sterben in unseren Wälder 5 Millionen Tiere. Das hört sich zwar von der Zahl her sehr groß an. Doch hinter dieser Zahl verbirgt sich riesiges Leid. 5 Millionen Tiere werden erschossen, sie kommen in Fallen ums Leben oder werden zum Teil auch erschlagen mit Prügeln. Wenn wir uns vorstellen, dass z.B. nur ca. 60% der Tiere, die geschossen werden, tatsächlich tot sind, die andern sich tage- oder wochenlang mit riesigen Qualen durch die Felder und Fluren schleppen und zum Teil bei der Nachsuche nicht oder sehr spät gefunden werden, dann wird nur ein Teil dieses wirklichen Leidens sichtbar. Das können wir doch einfach nicht mehr zulassen!
Wir sind doch Menschen mit moralischen und ethischen Vorstellungen. Das Ganze muss doch einmal ein Ende haben.

Was sollen Ihrer Meinung nach die Politiker tun?

Kurt Eicher: Wir fordern doch Nichts neues, außer dass z.B. die Grünen ihre parteiinternen Ziele, die sie schon vor Jahren in einem Positionspapier zur Abschaffung der Jagd beschlossen haben, endlich umsetzen. Sie brauchen sich also nicht zu verbiegen, sondern lediglich ihre eigenen Beschlüssse umsetzen.

Gibt es nach der Abschaffung der Jagd nicht eine Überpopulation der Tiere?

Kurt Eicher: Die kleinen Beutegreifer wie Marder, Wiesel, Fuchs reichen z.B. in den Nationalparks in Irland aus, um ein Gleichgewicht zu stabilsieren. Die größeren Tiere besitzen eigene Strategien um eine Überpopulation zu verhindern. Dass dies so ist, beweisen auch große Nationalparks in Italien und in der Schweiz, die z.T. seit über 80 Jahren und länger keine Jagd mehr zulassen.

Ist die Initiative als Verein organisiert?

Kurt Eicher: Die Initiative zur Abschaffung der Jagd ist ganz bewusst kein Verein. Sie will nicht in Konkurrenz zu den zahlreichen Naturschutz-, Tierschutz- und Tierrechtsvereinen treten, sondern integrativ tätig sein. Man kann sich die Initiative als ein Netzwerk von Organisationen und Einzelpersonen vorstellen, das die Kräfte all derjenigen bündelt, die für die wildlebenden Tiere in unseren Wäldern und Feldern eintreten wollen.

Was sind die Aktivitäten der Initiative?

Kurt Eicher: Wir sind auf vielen Ebenen tätig. Aber vielleicht die spettakulärste Aktivität ist wohl die Anti-jagd-Demo in Berlin. An jedem ersten Samstag im Monat findet die große bundesweite Anti-Jagd-Demo in Berlin statt. Treffpunkt ist um 12 Uhr meist am Adenauerplatz oder am Berliner Dom. Der Protestmarsch führt über den Kurfürstendamm oder unter den Linden entlang. Die Abschlusskundgebung findet von etwa 13-14 Uhr, je nach Route vor der Gedächniskirche oder dem Brandenburgertor statt (siehe www.abschaffung-der-jagd.de). Wir gehen davon aus, dass sich noch viele Tierfreunde und Jagdgegner der Demo anschließen werden und möchten alle an dieser Stelle herzlich einladen: Macht mit, wir brauchen euch alle! Es gibt übrigens für jeden Teilnehmer kostenlos eine superleckere vegane Suppe. Es ist wichtig, dass die Bevölkerung ihren Willen kund tut, denn es wird höchste Zeit, dass die Gesetzgebung auch hierzulande endlich dem aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisstand einerseits und dem Willen der Bevölkerungsmehrheit anderseits angepasst wird.

Steht die Initiative mit anderen Tierschutzorganisationen in Kontakt?

Kurt Eicher: Ja, natürlich, wir stehen mit vielen in Kontakt, denen wir auch unsere Aktivitäten mitteilen und die sich an der Demo beteiligen, sowohl in Deutschland wie auch im Ausland. Die Initiative zur Abschaffung der Jagd ist wie gesagt ein freier Zusammenschluss von Jagdgegnern, ob in einer Organisationen oder als Einzelpersonen. Jeder, der das gleiche Ziel verfolgt, ist herzlich eingeladen mitzumachen. Auch Auslandskontakte sind wichtig für den Informationsaustausch und die internationale Vernetzung der Jagdgegner.

Wie sind die Reaktionen der Öffentlichkeit auf die Aktivitäten?

Kurt Eicher: Zeitungen bitten uns inzwischen um Stellungnahmen. Fernsehstationen haben auch schon Interviews aufgezeichnet und ausgestrahlt. Preseagenturen haben unsere Pressemeldungen verbreitet und selber aufgrund unserer Internetseiten recherchiert. So konnte man inzwischen unsere Anti-Jagd Recherchen in STERN online genauso wie in der größten Boulvardzeitung der Schweiz, im BLICK, nachlesen.
Bei Informationsständen ist die Resonanz in der Bevölkerung erstaunlich und scheint sich zu polarisieren: Auf der einen Seite gibt es sehr viele Leute, die ganz klar für die Abschaffung der Jagd eintreten und uns ermuntern, weiter zu machen, darunter viele Vegetarier und/oder Menschen, die selbst erschreckende Erfahrungen mit Jägern und dem Töten von Tieren gemacht haben: „Die Jäger schießen aus lauter Lust auf alles, was sich bewegt!“ Auf der anderen Seite melden sich natürlich die Jäger zu Wort, wobei die meisten gar kein Geheimnis daraus machen, dass sie beim Töten von Tieren Freude empfinden. Manche reagieren sogar erschreckend aggressiv: „Damit dürftest du nicht auf unsere Jagdhütte kommen, das wäre lebensgefährlich für dich!“

Es gibt also auch Reaktionen aus der Jagdszene?

Kurt Eicher: Ich bekomme ganz üble Faxe, miese Beschimpfungen per e-mail und Drohanrufe. Dies ist eigentlich ein gutes Zeichen, denn wenn sie uns nicht ernst nehmen würden, würden sie nicht reagieren.

Wie sind die Resonanzen von Behörden und Politik?

Kurt Eicher: Das Bundeskanzleramt hat geantwortet und uns auf einen Arbeitskreis hingewiesen, der noch offen sein soll. Die Fraktionsvorsitzende der GRÜNEN hat reagiert und ihre umweltpolitische Sprecherin Frau Höfken, MdB aufgefordert, eine Stellungnahme abzugegeben. Auf diese warten wir noch. Letztlich ist die Politik im Zugzwang, denn die Jagdgegner sind in Deutschland mehrheitsfähig: Mehr als die Hälfte der Bevölkerung ist gegen die Jagd. In einer von HÖRZU und Stern 1998 veröffentlichte Umfrage hieß es gar: „70% der Deutschen mögen keine Jäger“. Und die „Welt am Sonntag“ zitierte in dem gleichen Jahr eine Umfrage, nach der die Jagd in der Ablehnung der Deutschen gleich hinter Tierversuchen, Kinderpornographie und Tabakwerbung rangiert. Interessant am Rande: Mehrere Forstämter bestellten die Broschüre „Der Lust-Töter“, sie haben nach eigenen Aussagen immer wieder Schwierigkeiten mit den Jägern.

Derzeit ist die Novellierung des Bundesjagdgesetzes im Gespräch. Reichen einzelne Überarbeitungen des Gesetzes aus?

Kurt Eicher: Die Initiative zur Abschaffung der Jagd lehnt die Jagd aus ethischen und ökologischen Gründen grundsätzlich ab und strebt das Ziel eines generellen Jagdverbots über effektive Öffentlichkeitsarbeit einerseits sowie politische Einflussnahme andererseits an. Natürlich wäre es bereits ein Riesenerfolg, wenn die Waldeigentümer entscheiden könnten, ob auf ihrem Gebiet gejagt wird oder nicht – in Frankreich ist das bereits geltendes Recht. Somit könnte die Öffentlichkeit auf jeden einzelnen Waldbesitzer moralischen Druck ausüben und ihn als Tiertöter anprangern. Damit wäre im Prinzip kein gesetzliches Jagdverbot da, aber die Jagd könnte aus Imagegründen nicht mehr durchgeführt werden. Jäger, die dann immer noch lebende Tiere jagen, würden als schwarze Schafe abgestempelt werden. Gleichzeitig würde in den unbejagten Gebieten den Beweis angetreten werden, dass es ohne Jagd in unseren Wäldern funktioniert: das natürliche Gleichgewicht würde sich einstellen und normale Populationsschwankungen wären möglich. Die Natur erholt sich und die bedrohten Arten haben wieder einen Lebensraum.

Warum tun sich gerade deutsche Politiker so schwer, gegen das offensichtlich naturschädigende Hobby Jagd vorzugehen?

Kurt Eicher: Viele Politiker sind Jäger, ebenso wie ihre Freunde unter den Wirtschaftsbossen und Bankern. Die Jagdlobby ist noch immer mächtig. Der erste Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland, Theodor Heuß, musste aus Repräsentationsgründen an Gesellschaftsjagden von Poltikern teilnehmen obwohl er in seinem ganzen Leben nie ein Gewehr in die Hand nahm. Treffend formulierte er: „Jagd ist nur eine feige Umschreibung für besonders feigen Mord am chancenlosen Mitgeschöpf. Die Jagd ist eine Nebenform menschlicher Geisteskrankheit.“ Und bei einer Diplomatenjagd sgte er die bekannten Worte: „Ich hoffe mit den Hasen“.

Zum Abschluss sagen Sie uns doch bitte in einem Satz, warum die Jagd besser heute als morgen abgeschafft werden muss.

Kurt Eicher: Die Steinzeit ist vorbei! Unser Gehirn ist größer und effizienter geworden, unsere ethischen und moralischen Grundsätze haben sich weiterentwickelt. Tieren steht wie uns Menschen ein Recht auf Leben zu, ohne Verfolgung durch eine bewaffnete Minderheit. Die Natur wurde lange genug zurecht geschossen, jetzt sollten wir den übriggebliebenen Spezies die Chance geben sich selbst zu regulieren.





Rede vor der Gedächtniskirche 



Ansprache vor dem Verbraucherschutzministerium, 06.11.2005



Rede vor dem Brandenburger Tor, 07.12.2002 



Rede vor dem Brandenburger Tor, 4.09.2004 



Rede in der Berliner Technischen Universität Symposium »Natur ohne Jagd«, 02.08.2002



Podiumsdiskussion Symposium »Natur ohne Jagd«, 02.08.2002



Podiumsdiskussion in der Berliner Universität Symposium »Natur ohne Jagd«, 02.08.2002