Aus aktuellem Anlass (Westerwaldjagd auf Krähen im September 2011, die bei einer Vogelpflege-Kollegin in nächster Nähe stattgefunden hat) wende ich mich an Sie und hoffe, bei Ihnen mit meinem Anliegen ein offenes Ohr zu finden.

Als Leiterin einer kleinen Wildvogelauffangstation beschäftige ich mich natürlich intensiv mit der Lebensweise meiner Schützlinge, bilde mich fort und lese wissenschaftliche Arbeiten über unsere heimische Vogelwelt.
Daher ist es für mich sehr befremdlich festzustellen, dass jedes Jahr in großen Mengen Rabenvögel bejagt werden.
Die Jagd auf diese Vögel: Rabenkrähe (Corvus corone), Elster (Pica pica), z.T. Eichelhäher (Garrulus glandarius) ist absolut unnötig. Jahrelange Studien von namhaften Wissenschaftlern und großen Umweltschutzverbänden belegen dies.

Leider werden diese Erkenntnisse von Jagdverbänden und Jägern bewusst ignoriert. Schon seit vielen Jahren reiten sie auf denselben alten Argumenten herum, um eine Jagd auf diese Vögel zu rechtfertigen. Diese Aussagen halten einer kritischen Betrachtung nicht stand. Entgegen der Zahlen und Fakten der Wissenschaft können die Jäger sehr selten Beweise für die Schäden dieser Tiere angeben, die meisten Eindrücke entstehen durch subjektive Wahrnehmung und althergebrachtem „Wissen“.
Hier werden die Landwirte mit "zerpickten" Silageplanen, Rückgang der Erträge usw. vorgeschoben.

Schenkt man den Argumenten der Jägerschaft Glauben, sind unsere heimischen Rabenvögel wahre Monster, die Schafe und Kälber auffressen, Singvögel drastisch dezimieren und Felder leerräumen. Selbst am Rückgang von Bodenbrütern und Niederwild sollen die Rabenvögel eine große Schuld tragen, allerdings wissen wir doch, welche Faktoren daran schuld sind: die industrielle Land- und Forstwirtschaft sowie die zunehmende Bebauung wären als erstes zu nennen. Auch belegen viele langjährige Studien, dass Bodenbrüter ihre Brut meist nachts verlieren und der Anteil an Gelegen von anderen Vögeln in der Nahrung von Rabenkrähen ca. 0,4 – 5 % beträgt – und das nur während ihrer eigenen Brutzeit. Verluste bei den Singvögeln werden durch eine Nachbrut ausgeglichen; im Übrigen finden 3 – 4 Bruten bei den meisten unserer Singvögel jährlich statt. Die Rabenvögel hingegen haben eine Jahresbrut. Meist halten sich die Bestände von Prädatoren und Beutetieren die Waage.

Anatomisch betrachtet ist z.B. die Krähe ein nicht sehr wendiger, mittelgroßer Vogel; mit ihrem vergleichsweise schwachen Schnabel ist sie kaum in der Lage, größere Tiere aufzubrechen oder zu töten. Das vermag selbst der mächtigere Kolkrabe nur in einem recht langen Zeitrahmen.
Angefallene Kitze, Lämmer und Kälber sind i.d.R. zu schwach zum Aufstehen (und zum Leben) und wurden von ihren Müttern auch nicht verteidigt. Hier übernehmen die Rabenvögel lediglich die Funktion als Aasfresser, was aber gerne fehlinterpretiert wird.

Auf den frisch gepflügten oder abgeernteten Feldern verzehren sie die Schädlinge wie Mäuse, Käfer und Insekten. Die Nützlichkeit dieser Vögel erkennt nicht jeder.
So wird dann der Ruf nach einer erhöhten Abschussquote schnell laut!
Jagdbar ist die Rabenkrähe und die Elster vom 01.08. bis ca.28.02. (Bundeslandabhängig). Danach beginnt die Schonfrist.
Auf Antrag kann die Schonfrist verkürzt werden.
Genehmigt wird ein Abschuss innerhalb der Schonzeiten dann durch die zuständige Jagbehörde. Diese "kann" die Schonzeit der Rabenvögel verkürzen. Ein "Beweis" wird nicht verlangt, jammern muss man nur können und sich ein paar DIN A 4 Seiten, "Gründe für die Schonzeitverkürzung" aus den Fingern saugen.
Hierbei werden selbst die Ämter betrogen, und ein Bestand von (nichtexistierenden) seltenen Tieren oder die Landwirte vorgeschoben, um eine Jagd während der Schonzeit genehmigt zu bekommen. Oft trifft es dann brütende Vögel und die Krähenkinder verhungern jämmerlich oder der Partner wird weggeschossen.

Diese Jagden nehmen mittlerweile Ausmaße an, die man nicht mehr beschreiben mag, ähneln sie doch sehr einem Kriegsschauplatz mit vermummten Gestalten in Tarnanzügen, die innerhalb kürzester Zeit ein Gemetzel unter den Tieren anrichten und stolz Strecken von mehreren 100 Opfern vorweisen.

Sogenannte Crowbusters räumen die Landschaft mit Pumpguns und Halbautomatikwaffen leer von Rabenvögeln. Es wird auf alles geballert, was Flügel hat und annähernd wie eine Krähe oder Elster aussieht.
Dass besonders mit den herbstlichen Schwärmen auch viele streng geschützte Arten wie Dohlen, Saatkrähen und vereinzelte Kolkraben ziehen, wird billigend in Kauf genommen. Solche "Opfer" treten in den Abschusszahlen nicht auf. Besonders junge Saatkrähen sind nur bei sehr genauem Hinsehen von Rabenkrähen zu unterscheiden, und schon gar nicht im Eifer des Gefechtes! So mancher krähenjagender Jäger vermag noch nicht einmal bei Volierenvögeln vor seiner Nase die Unterschiede zu erkennen; wie kürzlich bei einer Kollegin geschehen.

In einem nicht unerheblichen Maße verenden bei solch einer Jagd viele Vögel nur leicht getroffen viel später elendig an Vergiftung durch die Munition oder an den Verletzungen durch die Schrotkugeln.
Was eine Auslöschung der Bestände von Rabenvögeln in der Natur zu bedeuten hat, vermag jetzt kaum einer einschätzen. Die einzigen, die davon profitieren dürften, wären die Jäger, weil dann voraussichtlich die Abschussquoten auf beliebte Jagdbeute wie Hase und Co. wieder erhöht werden würde.

Der Irrsinn erfuhr im Jahr 2004/2005 im Landkreis Leer /Niedersachsen einen traurigen Höhepunkt, als zu "Forschungszwecken" des Instituts für Wildtierforschung der Hochschule Hannover mehr als 12000 Krähen und Elstern in 150 norwegischen Fallen gefangen und mithilfe der Jägerschaft zu Tode geknüppelt wurden. In den Fallen befanden sich oft auch Eulen, Greife und andere geschützte Vögel. Nur ein massiver Protest seitens der Naturschutzverbände und Tierschützer konnte das Massaker beenden.
Die Jagd auf Krähen ist zu einem Sport mit einem großen Spassfaktor geworden, der überwiegend von jugendlichen Jagdscheininhabern und einigen wenigen älteren Raubwildhassern ausgeübt wird. Der Reiz dieser Jagd ist das Tarnen und das Benutzen von halbautomatischen Flinten, die ein regelrechtes Dauerfeuer auf Vögel ermöglichen. Für viele ist das der Kick, wenn sie in ihrem Tarnzelt sitzend die anfliegenden Rabenvögel vom Himmel holen. Das Überschlagen und Klagen der getroffenen Tiere erinnert sie an gewaltverherrlichende Kriegsspiele am PC.

Bei revierübergreifenden Jagden wird sich über Handy verständigt: „Achtung, es kommt eine Krähe“ Jeder Abschuss wird life im Internet mitverfolgt und mit "Waidmannsheil" dokumentiert!
Rabenvögel sind heutzutage die „Tontauben“ der Jäger, die sich in den einschlägigen Foren, z.B. Wild und Hund etc, mit ihrem Streckenerfolg und Fotos ihrer Gräueltaten brüsten.
Diese Foren haben mittlerweile die Aufmerksamkeit von Tierschützern erregt und leider wurden darauf sehr viele Beiträge gelöscht. Einiges konnten wir aber sichern und können es Ihnen gerne zur Verfügung stellen.

Meine Forderung an die Verantwortlichen:

- Ein sofortiges Beenden der Jagd auf Rabenvögel bundesweit

- Sämtliche Rabenvögel sollen gemäß der Vogelschutzrichtlinie ganzjährigen Schutz genießen

- Sondergenehmigungen zum Abschuss dürfen nicht mehr ohne ein Gutachten von Umweltverbänden und / oder eines unabhängigen Gutachters genehmigt werden

- Eindämmung Hobbyjagd

- Psychatrische Gutachtenpflicht für Menschen, die Jäger werden wollen

Es wäre erfreulich, wenn Sie uns Tierschützer bei unserem Kampf für die Rabenvögel unterstützen würden mit einer Veröffentlichung über die Zustände bei der Krähenjagd.

Angelika Bornstein
Vogelnothilfe e.V.