Die Seuchen-Legende

Von Kurt Eicher

Als aufschlussreich erweist sich hier ein Gutachten des öffentlich bestellten und vereidigten Forstsachverständigen Dr. Eberhard Schneider aus Göttingen zum »jagdlichen Umgang mit einem Wildschweinbestand beim Auftreten der Schweinepest«, das dieser auf eine Anfrage aus Luxemburg im Februar 2002 anfertigte. Nach diesem Gutachten sind nicht die Wildschweine die »Schuldigen« an der Seuche, sondern eher umgekehrt: »Die Schweine-Intensivhaltungen sind heutzutage zweifelsfrei als das wesentliche Reservoir des Virus zu erachten, von wo aus es in Wildschweinbestände getragen wird. ... Bisher sind keine Fälle nachgewiesen, in denen die Schweinepest zuerst in Wildschweinbeständen aufgetreten ist. ... Es muss bedacht werden, dass die Ursache der Wildschweinerkrankungen bei den Hauschweinbeständen liegt.«

Es wäre nicht die erste Tier-Krankheit, die gerade in der intensiven Tierzucht ihren Nährboden findet - erinnert sei an die zahlreichen Grippe-Epidemien, die meist in der Geflügelzucht asiatischer Länder ihren Ausgang nahmen, oder an die Maul- und Klauenseuche oder BSE. Angesteckte Wildschweine können allerdings auch zu Rücküberträgern werden. Doch auf welche Weise geschieht die Ansteckung ? in beiden Richtungen?

Im Gutachten wird auf die zahlreichen Tiertransporte verwiesen, aber auch auf »diverse Emissionen«, die aus den Massenställen in die Umgebung gelangen - über die Luft, über die Gülle, über Menschen, die von einem Hof etwa in den Wald gehen. Das Virus kann aber noch direkter zu den Wildschweinen gelangen - durch die Jäger! »Lebensmittelreste, die bewusst oder unbewusst an Wildschweine verfüttert werden, bergen sicher weitere Risiken«, schreibt Schneider. Manche Jäger füttern nämlich die Wildschweine, um sie dann umso besser abschießen zu können.

Und der Weg des Virus von den Wildschweinen zurück in die Ställe? Auch hier könnten die Jäger, die auf Wildschweinjagd gehen, selbst eine nicht unerhebliche Rolle spielen. So steht es jedenfalls im Gutachten: »Schließlich kommt die Verfrachtung infektiösen Materials, z.B. durch die mitgeführten Tierkörper oder Teile jagdlich erlegter Wildschweine in Betracht. Dabei auch anhaftendes Blut an Ausrüstung, Kleidung und Fahrzeugen aus dem jagdlichen Gebrauch. Hier kann angesichts der heutigen hohen Mobilität der Jagdausübenden sicher ein erhebliches Potenzial für die Virusverschleppung vermutet werden. ... Dass aus Schusswunden ausgetretenes Blut u.a. den Boden kontaminieren, ist da schon eine hinreichende Gefahrenquelle.« Nicht jeder Jäger kann auf Anhieb erkennen, ob er bei dem gerade erlegten Keiler ein krankes Tier vor sich hat oder nicht.

Der Gutachter ist kein Gegner der Jagd an sich. Doch im Falle einer Schweinepest unter Wildschweinen rät er von einer Bejagung eher ab. Er warnt vor »Panikmache« und verweist auf andere Experten, von denen einer schon vor Jahren schrieb: »Ist die Seuche bereits im Revier, so sollte man den erkrankten Bestand in Ruhe lassen.« Vor allem von Treib- und Drückjagden rät der Biologe ab, weil sie eine weitere Verbreitung des Virus zur Folge haben können: Die Tiere flüchten, Rotten werden auseinandergerissen, die Leit-Bachen unter Umständen abgeschossen, so dass die Lage hinterher schlimmer ist als vorher.

So könnte man also feststellen: Nachdem die Jäger selbst zur Verbreitung der Seuche - in beide Richtungen - nicht unerheblich beigetragen haben, bieten sie sich als die großen Retter an, welche die Gefahr beseitigen - und vergrößern sie damit am Ende noch. Erinnert das nicht an einen Brandstifter, der sich als Feuerwehrmann aufspielt?

Erheblichen Anteil an dem Auftreten einer solchen Seuche hat aber auch die Landwirtschaft, die aus Profitgründen die Tiere alles andere als artgerecht hält. Schließlich wäre noch die Bürokratie der Europäischen Union zu nennen, die seit 1993 die vorsorgliche Impfung von Schweinen (die möglich wäre - übrigens sogar bei Wildschweinen) verbietet, weil eine Impfung den Export nach Übersee unmöglich machen würde. Tritt dann die Seuche auf, müssen alle Tiere der betroffenen Ställe ausnahmslos getötet werden. Auf diese Weise verhindert man aber auch, dass einzelne Hausschweine die Krankheit überleben, dagegen immun werden und diese Immunität an ihre Nachkommen weitergeben.

Aber es ist ja so bequem, eine Seuchen-Legende parat zu haben bzw. einen Sündenbock oder vielmehr ein »Sünden-Schwein«, auf das man die eigenen Sünden gegen die Natur und gegen die Tierwelt abladen kann, indem man diese Tiere nach Lust und Laune abballert oder abballern lässt, nachdem man sie zuvor selber krank gemacht hat. Und sollten sie noch nicht krank sein, schießt man sie eben »vorbeugend« ab.

Was aber wird wohl den Menschen widerfahren, in deren Kopf sich die Profit-Pest und die Alles-nur-für-mich-Seuche schon so weit ausgebreitet haben, dass sie es nicht einmal mehr merken?