von Kurt Eicher und Christiane Voss



Feldhasenpopulationen in bejagten und unbejagten natürlichen Arealen



 
Feldhasen im Allgemeinen
Wenn wir hier an dieser Stelle von natürlichen Arealen sprechen, so sind die kulturell, land- und forstwirtschaftlichen veränderten Bedingungen in Mitteleuropa gemeint. Es handelt sich um die noch zur Verfügung stehende Restnatur, die es aber dem Feldhasen immer noch ermöglichen Nachkommen zu erhalten und zu versorgen.
 
Zur Biologie der europäischen Feldhasen im Besonderen
Der heute in vielen Staaten Europas vorkommende Feldhase ist ursprünglich ein solitärer Steppenbewohner, der sich an neue Lebensbedingungen angepasst hat.
Ausschließlich zur Paarung sucht er den Kontakt mit gegengeschlechtlichen Artgenossen. Bei der Aufzucht zeigen die betreuenden weibliche Tiere soziale Verhaltensweisen.
Die Anpassungsstrategien umfassen aber nicht nur die veränderte Futterauswahl und den veränderten Lebensraum, sondern auch  die Regulation der  Individuendichte in einem Biotop.

Schwankungen der Feldhasenbestände in einer jahreszeitlichen Rhythmik

1. Unbejagte Areale

Langjährige Untersuchung zeigen, dass in unbejagten Gebieten die Individuenzahl der Feldhasenpopulation in einer Bandbreite bleibt. Diese Schwankungen sind immer im Zusammenhang mit dem Ausbruch von Krankheiten (z. B. Kokzidiose), der natürlichen Fortpflanzungsrate und dem Einfluss von Beutegreifern zu sehen. Selbst bei  einem optimalem Futterangebot kommt es nie zu einem (auch nur ansatzweisen)  exponentiellen Wachstum.
Dies kann mehrere Gründe haben:
A) Die kleinen Beutegreifer wie Fuchs, Marder, Iltis oder Greifvögel  „schöpfen" einen Überbestand rechtzeitig ab.
Dieser Ansatz kann verworfen werden, da es sonst zu gar keiner Schwankung der
Feldhasenpopulationstärke kommen würde, bzw. die Beutegreifer  sich stark vermehren könnten und damit das Ausrotten der Beutetiere zur Folge hätte.
In natürlichen Räuber-Beutebeziehungen  ist dies noch nie beobachtet worden.
B) Der Feldhase reguliert seinen Bestand selbst
Über viele Jahre hinweg konnte beobachtet werden, dass bei unbejagten Populationen die Individuenzahl auf einer definierten Landfläche nie einen bestimmten Wert über- oder unterschritten hat. Der Feldhase hat innerhalb eines bestimmten Reviers eine deutliche Individualdistanz zu seinen Artgenossen. Interessanterweise sind die Bestandszahlen auf unbejagten Flächen geringer, aber auch einer weniger starken Bestandsschwankung ausgesetzt. Der untere Umkehrpunkt liegt dabei nie so tief wie bei bejagten Beständen.

2. Bejagte Areale

Flächen, die dem Jagddruck bzw. der Bejagung unterliegen unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Individuenanzahl und –schwankung innerhalb der Feldhasenpopulationen signifikant von den unbejagten Arealen. Zum einen ist die  Individuenanzahl deutlich höher, zum anderen ist die Schwankung innerhalb der Bestandszahlen für diese Population deutlich stärker. Dies kann mehrere Gründe haben:
A) Durch die ständige Flucht des Feldhasen ist der Kontakt mit seinen gegengeschlechtlichen Artgenossen deutlich höher und die Paarungswahrscheinlichkeit nimmt zu.
Bei diesem solitären Tier  sind die Paarungsrituale und –zeiten festgelegt, so dass ein häufigerer Kontakt keine zusätzliche Setzzeit bringen kann.
B) Durch die Bejagung der Feldhasen werden viele künstlich aus dem Areal entfernt (erlegt)  und somit  fällt für die Restpopulation der sog. Soziale Stress ( durch hohe Individuendichte) kurzfristig weg. Dadurch wird die Ovulation bei den weiblichen Tieren positiv beeinflusst, d. h. es kommt zu mehr Jungtieren pro Wurf.  Auch die Anzahl der befruchtungsfähigen Spermien bei männlichen Tieren steigt deutlich an.   Die geringere Feldhasendichte zu einem bestimmten ( vor der Paarungzeit liegenden) Zeitpunkt   begünstigt die biologischen Paarungsvoraussetzungen und erhöht dadurch die Nachkommenzahlen pro weiblichem Tier.

Gefahr für die Feldhasen durch die Jagd

Obwohl es zunächst den Anschein hat, dass die Jagd eine positive Auswirkung auf die Feldhasenpopulation hat, ist genau das Gegenteil der Fall.

A) Fitness und Gesundheit

Während bei unbejagt vorkommenden Beständen die Beutegreifer die Hasenpopulation gesund und fit halten, weil sie nur kranke Tiere erbeuten können, haben bejagte Areale gleich zwei miteinanderverbundene Problemkreise.
Der bejagte Fuchs kann sich weniger um kranke Hasen „bemühen", er weicht bei seiner Ernährung auf andere Futterquellen aus. Kranke Hasen verbreiten auf diese Weise die Seuche deutlich länger und dann auch noch flächendeckender.

B) Bestandsschwankungen

Wie oben bereits erwähnt kommt es bei bejagten Beständen zu sehr hohen Bestandsschwankungen. Die Anzahl der Nachkommen pro Tier ist zwar deutlich erhöht, doch die werfenden weiblichen Tiere sind reduziert, d. h. wenige Tiere bringen sehr viel Nachkommen.
Hier beginnt ein Teufelskreis, der die Feldhasen auf die rote Liste brachte und sie auch weiterhin gefährden wird.
Gibt es unter den Feldhasen zu Beginn des Frühjahrs die immer wieder zu beobachtende Kokzidiose, so fallen dieser Krankheit zahlenmäßig, auf beiden Beobachtungsflächen, etwa gleich viel Tiere zu Opfer, doch da die Bestandszahlen zu diesem Zeitpunkt am tiefsten Punkt angelangt sind, kann die Reproduktion dieser Art für das bejagte Areal zusammenbrechen.
Findet zeitgleich auch noch eine Bejagung, eine Feldbearbeitung, das Ausbringen von chemischen Keulen oder großen Güllemengen statt, ist die Feldhasenpopulation am Ende.