von Dr. Eberhard Schneider, Göttingen

Zoochorie - eine ökosystemare Funktion zu Unrecht Verfolgter

Die überwiegend stationären Pflanzen haben in ihrer Entwicklungsgeschichte vielfältige Möglichkeiten zur Ausbreitung ihrer Samen, damit zur Verbreitung ihrer Spezies und Besiedlung neuer Areale, gefunden und dementsprechende Ausformungen der Früchte und Samen hervorgebracht. Einer der effektivsten Wege dabei ist offenbar mit den Anpassungen (=Adaptationen) zur Teilnahme an der Zoo-Chorie, der Verbreitung von Pflanzensamen durch Tiere, beschritten worden. Dergestalt, dass im Zuge der Co-Evolution Pflanze und Tier, gemeinsam und zu beiderseitigem Erfolg, ihre zum Teil hoch spezifischen Ausformungen oder Reaktionen hervorgebracht haben. Eine reiche Literatur, schon aus dem Beginn dieses Jahrhunderts, insbesondere aber aus den letzten vier Jahrzehnten bietet zahlreiche Beispiele (s. z.B. RENNER 1987). Deutlich wird dabei die hervorragende Stellung, die in diesen Beziehungsgefügen der Ornitho-Chorie, der Verbreitung von Pflanzensamen durch Vögel, zukommt. Was sicher nicht nur in der Vielfalt der Avifauna mit den vielfältigen Möglichkeiten der Anpassung an Vorgaben der fruktifizierenden Pflanzen, mit denen dieselbe den Vogel geradezu suchen, begründet ist. Hinzu kommt die hohe Effizienz, mit der hier die Vögel im Vergleich zu anderen zoochoren Tieren zu Werke gehen. Sie erreichen fliegend auch die Samen an den äußersten Zweigspitzen, sie benötigen keine aufwendigen Kletterpartien, sie haben einen weitaus größeren Aktionsradius als die Mehrzahl der nicht fliegenden Zoochoren und können leicht auch in von der Pflanze zuvor noch gar nicht besiedelte Areale vordringen. Bergauf wie bergab, unabhängig von Luftströmungen u.a., was den verschiedenen Formen der von Pflanzen benutzten diversen Verbreitungsmethoden zum Teil enge Grenzen weist.

Rabenvögel sind insgesamt, auch mit Blick auf den Nahrungserwerb, generalistisch und es hat keine bestimmte Spezialisierung allein auf Pflanzensämereien oder gar eine oder wenige Pflan-zenarten stattgefunden. Am weitesten spezialisiert hat sich da vielleicht der Tannenhäher Nucifraga caryocatactes in seiner Beziehung zur Arve (=Zirbe) Pinus cembra. "Dem Tannenhäher kommt ... die bedeutendste Rolle bei der Arvensamenverbreitung innerhalb des Arvenwaldes zu" (MATTES 1990, cit. S. 52). Zumindest für die Zirbenwälder des Engadins ermittelte MATTES bis zu 80% der Verjüngung dieses Baumes als häherbedingt. Und auch nach außerhalb des Arvenwaldes, etwa in die Kampfwaldzone oder anderes offenes Gelände, tragen Tannenhäher die Arvennüsschen ohne sie später alle zu verzehren. Auch die auf "Hähersaat" zurückzuführende natürliche Verjüngung der Eiche (und Buche) ist in einigermaßen aufgeschlossenen forstlichen Kreisen geläufig. - Aber, dann endet die Geschichte in der allgemeinen Kenntnis schon weitestgehend.

Dabei werden die Diasporen (=Ausbreitungseinheiten) zahlreicher Pflanzenarten von den Vögeln befressen und mehr oder weniger zufällig verschleppt. TURCEK (1961) ermittelte für 186 europäische Arten holziger Pflanzen das Aufscheinen von 156 Vogelarten. In seiner Kategorie I von n = 82 Vogelarten, die sich vorwiegend aus fleischverzehrenden Vögeln rekrutiert, fand er Diasporen-Typen - infolge zufälliger Aufnahme (etwa mit dem Beutetierverzehr). In Kategorie II mit n = 40 Spezies der insektivoren oder sonstwie animalisch sich ernährenden Vögel ermittelte er zwischen 7 und 27 Diasporentypen. In der Katagorie III gelistete 34 Vogelarten, die überwiegend und saisonbedingt sich den Diasporen der Holzgewächse zuwenden, werden schließlich die Diasporen von 28 - 112 Arten holziger Pflanzen verzeichnet. Wobei die Mehrzahl der Vogelarten bei mehreren Pflanzenarten als Diasporen-Zehrer und -Verfrachter auftauchen (bis 27 Spezies für eine Wirtspflanze bzw. bis 112 Pflanzenarten für eine Vogelspezies). Die Möglichkeiten des Verschleppens der Diasporen reichen von bloßem Anhaftem derselben am Vogel bis zur Passage des Verdauungskanals. Es sind auch keineswegs allein die Wirtspflanzen mit schweren Diasporen in die OrnithoChorie eingebunden. Selbst solche, die auch der Anemo-Chorie (Verbreitung der Pflanzensamen durch den Wind) u.a. Ausbreitungsmöglichkeiten zugänglich sind, finden sich hier wieder (z.B. Birke).

Gerade mit Blick auf die schweren Früchte und Samen muss man die körperlich leistungsfähigen Rabenvögel besonders würdigen. Kleinvögel verfrachten kaum Eicheln, Bucheckern, Kastanien, und deren Reichweite ist geringer als die der Corviden. Denn hier sind die Zahlen eindrucksvoll: Tannenhäher tragen Arvennüsschen bis 15 km weit, überwinden bis 700 m Höhendifferenz bis über die Baumgrenze; Eichelhäher verfrachten Eicheln bis 4 Kilometer weit und Kolkraben sogar 10 bis 30 km vom Mutterbaum weg. Nach den aus Literaturangaben zusammen-gestellten und hier mitgeteilten Befunden allein über die Diasporen der holzigen Pflanzen sind dem Kolkraben 7 Diasporentypen zugeordnet, der Blauelster 11, der Alpendohle 13, dem Unglückshäher 16, der Alpenkrähe 17, der Aaskrähe 22, der Nebelkrähe 39. Wobei deutlich wird, dass in unterschiedlichem Verbreitungsareal der Vogelart die Diasporen unterschiedlicher Pflanzenarten aufscheinen. Der Saatkrähe sind 44 holzige Pflanzen zugeordnet, ebenso dem Tannenhäher. Die Elster bringt es auf 63 Diasporentypen und der Eichelhäher schließlich greift auf die Diasporen von 93 Strauch- und Baumarten zurück, um sie zu verzehren und mehr oder weniger zahlreich zu verschleppen, zu verstecken und keineswegs allesamt später zu verzehren. Das gilt vorrangig für die Anlage der Nahrungsdepots aller Häher. Alle Zahlen sind logisch nur Mindestzahlen aus den jeweiligen Untersuchungsgebieten. Es ist müßig, darauf zu verweisen, dass eiszeitlich nach südlich der Alpen ausgewichene Baumarten, wie etwa die Buche und andere, mit ihren schweren Diasporen sich ohne die maßgebliche Hilfe der Vögel in dem verfügbaren Zeitraum bis heute nicht dorthin hätten verbreiten können, wo wir sie gegenwärtig vorfinden - als »natürlich«, »standortstypisch«, »standortsheimisch« und was nicht alles - sogar seit mehreren Jahrtausenden tatsächlich vorkommen. Wenn etwa von Seiten der Vegetationskunde, Pflanzensoziologie, des Forstwesens oder des praktizierenden Naturschutzes dem Phänomen der Zoo-Chorie allgemein, und speziell ihrer wohl bedeutsamsten Komponente der Ornitho-Chorie, bisher wenig oder keine Beachtung entgegengebracht wurde, so ist dies ein kaum entschuldbares Versäumnis. Insbesondere im Zeitalter der rapide fortschreitenden Verinselung von Habitaten kann dieser natürliche Prozess der Erhaltung von Pflanzenarten und Entwicklung von Vegetationsgesellschaften nicht genügend gewürdigt werden.

Mit Blick darauf, dass sich die Überlebenschancen von Populationen mit der Ausbreitung deutlich vergrößern, muss der Verschleppung pflanzlicher Diasporen, nicht nur der Waldbäume etc., durch Tiere ganz anders bewertet werden als bisher geschehen. Insbesondere ist dabei die Bedeutung der Vögel, die noch am ehesten die diversen Barrieren in der Landschaft überwinden können, nicht hoch genug einzuschätzen. Forstwirtschaft, Naturschutz, Landschaftspflege (wenn man denn schon sich pflegend betätigt!) und vor allem der so moderne "Prozessschutz" müssen sich dieses zu eigen machen. Insbesondere auch die Fragen nach der genetischen Seite, dem Genfluss zwischen Populationen u.a., müssen hier ganz neu behandelt werden. Bis hin zu der Praxis des im forstlichen Kunstanbau verwendeten »kontrollierten Saatguts«. Die Liste jener Pflanzenarten, die auf Verschleppung ihrer Diasporen durch Tiere, insbesondere Vögel, setzen ist wohl erheblich länger.

Dass auch die Rabenvögel in Ornitho-Chorie involviert sind, ist unstrittig. Die angeführten Wirtspflanzenarten, Ausbreitungsgebietsgrößen, und Mengen (es wurde z. B. ermittelt: 300.000 Eicheln in 4 Wochen durch 65 Eichelhäher aus einem Eichenbestand von 37 ha, das waren 10% der dort zeitgleich von Menschen getätigten Gesamt-Eichel-Ernte von 2.000 kg) weisen aber die große Bedeutung der Rabenvögel aus ? nicht nur die der Häher.

So wie der Tannenhäher einst zu leiden hatte unter der Verdächtigung den Arvenbestand zu schädigen und er außerdem den die Arven-Nüsschen sammelnden Menschen ein deutlich überlegener Konkurrent war (s. MATTES 1990), er aber tatsächlich der Faktor ist, auf den die Arve in der Co-Evolution gesetzt hat, so leiden bis heute die Rabenvögel insgesamt unter falschen Verdächtigungen. Noch immer, obwohl die Kenntnisse vorliegen und es jedermann besser wissen könnte - wenn man nur wollte. Selbst sonst dem Tier- und Vogelschutz Verbundene verfallen hier in eine völlig verfehlte und antiquierte Wertung nach »gut und böse«. Die Funktion und biozönotische Bedeutung der Rabenvögel in dem Beziehungsgefüge mit den Wirtspflanzen - abgesehen von den sich daraus ergebenden Folgebeziehungen - ist bisher nicht einmal minimal gewürdigt worden. Selbst innerhalb der Naturschutzverwaltungen und -verbände finden sich geistige Irrläufer, mit zwar »Ökosiegel« am Revers, denen dieses gewaltige Potential der Rabenvögel als natürliche Faktoren und Helfer im Naturschutz nicht bewusst ist.

Es ist, gerade mit Blick auf die allfällig beklagte Lebensraumzerschneidung, die Verinselung von Habitaten und Populationen, diese Potential von unschätzbarer, vielleicht auch naturschüt-zerisch zukunftsentscheidender, Bedeutung. Insofern ist es nicht nur ein Beleg für Einfalt und Einfallslosigkeit oder pure Unkenntnis der ökosystemaren Beziehungsgefüge, wenn (auch) im Zusammenhang mit Rabenvögeln nur ein Schlagwort die Szene beherrscht:
»Schädlichkeit«, und wenn man sich in einer nicht endenden und nutzlosen Auseinandersetzung um »Schäden« ergeht. Allenfalls dient der Vorgang um die »Regulierung der Rabenvögel« als solcher der Befriedigung der Bedürfnisse der Verwaltung - und vielleicht sogar der behördeninternen Beförderungsdynamik.

Dies mag wohl gerade der deutschen Mentalität gerecht werden. Ebenso auch der Akt, so unliebsamen Elementen erbarmungslos mit Pulver und Blei oder anderen martialischen Mitteln entgegenzutreten und die freilebende Tierwelt »ethnisch zu säubern«. Amtlich verübte Rechtsverstöße eingeschlossen: wie in Mecklenburg-Vorpommern mit seiner, trotz bundesrechtlich bestehender ganzjähriger Schonzeit (Verstoß = Straftat!), angeordneten Kolkraben-Abknallerei wegen der Behauptung, die Vögel könnten mit den im Walde von Jägern hinterlassenen Därmen der abgeschossenen Wildschweine das Virus der Schweinepest verschleppen.
- Anstatt die Jäger zu verpflichten, die Aufbrüche (=Gedärme) getöteter Wildschweine grundsätzlich der ordnungsgemäßen Tierkörperbeseitigung zuzuführen.

Oder der zum Himmel stinkende Verstoß gegen EU-Recht: Wobei vom Agrar-Minsterrat wohl ausdrücklich der deutsche Bundesminister die Ermächtigung erhalten hat, Rabenvögel bundesrechtlich zum »Wild« zu erklären - dazu ist nötig die Änderung des § 2 im BundesJagdGesetz. Aber mangels diesbezüglichen Tätigwerdens im Bundesministerium handeln die Länder auf eigene Faust und widerrechtlich. In einer schier unglaublichen Frechheit erklären sie Rabenvögel zu jagdbaren Tieren. Ganz so, als gäbe es kein EU-Recht und keine EG-Vogelschutzrichtlinie, nach der auch die Rabenvögel besonderen Schutz erfahren sollen. Naturschutzbehörden beteiligen sich willig und handlangerisch an derartigen Rechtsbrüchen.-
Wo dann etwa ein gelernter Landwirt als Referent sitzt und angesichts einer »Eichelhäherplage« in einem Maisacker sich zum "wise use" der natürlichen Ressourcen bekennt. Dergestalt, dass diese Vögel abgeschossen gehören.

Rabenvögel sind jedoch zweifelsfrei mit unsere besten Verbündeten im Naturschutz. Sie dienen tatsächlich dem natürlichen Geschehen. Wenn schon »Prozessschutz« dann konsequent und unter Einbeziehung der evolutiv erprobten Faktoren. Dazu zählen, abgesehen von ihren weiteren Rollen als »geiergleiche« Destruenten, die Aas beseitigen u.a. m., ganz unzweifelhaft auch die in mehreren ökologischen Nischen präsenten Rabenvögel. Angesichts der, am Beispiel ihrer Bedeutung in der Ausbreitung von Pflanzensamen erkennbaren, ökologischen Bedeutung dieser Vögel sollte es sich jeder Naturschutzbehörde von selbst verbieten, irgendeiner Verfolgung den Weg zu eröffnen. Auch das nutzlose Gerede um »Schädlichkeit« muss ein Ende finden: nicht mit dem Rücken an der Wand stehen und sich das Thema aufzwingen lassen sondern kreativ und in Anwendung der Kenntnisse über ökologische Beziehungsgefüge aktiv operieren! Ansonsten sind Rabenvögel »herrenlos«. Sie begegnen dem, ach so geschützten Eigentum, wie sonst eine »Naturgewalt«, mit der man sich besser arrangieren sollte.

Wenn wir da alljährlich eine Vogelart aus dem heimischen Artenspektrum herausgreifen und zum »Vogel des Jahres« erklären, dann ist es längst überfällig, sich hier auf die ökologische Funktion, die naturschützerische Bedeutung und die »Nützlichkeit« unserer größten heimischen Singvögel zu besinnen.

- Ja, Rabenvögel gehören zu den Singvögeln! Nur, wegen ihres etwas groß geratenen Stimmapparates können sie nicht so melodische Gesänge erzeugen, wie wir es von den kleineren Vögeln gewohnt sind. Rabenvögel sind außerordentlich lernfähige Vögel, die eine hohe Anpassungsfähigkeit besitzen und nur deshalb nicht auch längst auf der Liste jener stehen, die vom Aussterben bedroht sind.

Rabenvögel sind auch schöne Vögel: ist »schwarz« nicht schick, wenn es um´s teure Auto geht oder sonstige exklusiven Modetorheiten gepflegt werden? Ist nicht eine Elster ein herrlicher Vogel in dem Kontrast des rein weißen Bauches mit dem blaugrün-blaumetallisch schillernden schwarzen Gefieder?
Nicht minder der lebhaft gemusterte Eichelhäher mit seinen strahlend hellblau gemustertete Federchen im Flügel.

Die »Schönheit« allein kann da nicht das bestimmende Kriterium sein. Neben der Ästhetik in der Betrachtung muss auch die Funktionsseite ihren Stellenwert erhalten. So bedarf es gar keines langen Suchens, will man nach dem Vogel Ausschau halten, der im ersten Jahr eines neuen Jahrhunderts dieses Symbolik vermittelt. Eines Jahrhunderts, zu dessen Beginn sich längst keine Besserung in der weiterhin fortschreitenden Zerstörung der Lebensräume erkennen lässt.

Eberhard Schneider

VsK Vogelschutz-Komitee
http://www.vogelschutz-komitee.de

aus: TIERSCHUTZKALENDER 2000