Tiere haben ein Recht auf Leben und Unversehrtheit

Von Dag Frommhold

»Die Zeit wird kommen, in der man der Ermordung eines Tieres mit ebensolcher Abscheu begegnen wird wie heute dem Mord an einem Menschen.«
Leonardo Da Vinci, um 1490.


Im Jahre 1637 veröffentlichte der französische Philosoph René Descartes seine folgenreiche und vielbeachtete Schrift »Discours de la méthode«, in der er nach christlichem Vorbild eine Trennung von Körper (»res extensa«) und Seele (»res cogitans«) postulierte. Descartes und seine Schüler, die im Rahmen ihrer Forschungsarbeiten selbst zahlreiche Tierexperimente durchführten, sahen die »res cogitans« ausschließlich beim Menschen gegeben, und taten Tiere als seelenlose, maschinenähnliche Wesen ab. Wer einen Hund ohne Betäubung mit Nägeln durch seine vier Pfoten am Experimentiertisch fixiert, so argumentierten sie, höre keine Schmerzenslaute, sondern akustische Signale, die mit dem Klingeln eines mechanischen Weckers vergleichbar seien.

Auch heute noch beeinflussen diese gewagten Thesen unser abendländisches Denken, denn die Konsequenzen der Descarteschen Weltanschauung sind nur allzu bequem: Wenn Tiere nichts als biologische Maschinen sind, können Menschen ihnen gegenüber auch keinerlei moralischer Verpflichtung unterworfen sein. Descartes Argumentation beinhaltet eine noch immer gerne von Menschen aufgegriffene Generalrechtfertigung für jede Form der Tierausbeutung.

In der Zeit seit 1637 hat sich jedoch vieles verändert. Beispielsweise liefert die moderne Verhaltensforschung schlagende Beweise für die Existenz subjektiven Empfindens und komplexer kognitiver Fähigkeiten auf Seiten der Tiere. Wissenschaftliche Erkenntnisse bestätigen, was jeder Mensch bei der Beobachtung seines Hundes oder seiner Katze durch einfachen Analogieschluß nachvollziehen kann, und rücken die Ausführungen Descartes und seiner Anhänger in den Bereich irrationaler Spekulation. So berichtet der Biologe Labhardt etwa von Füchsen, die die Funktionsweise einer aufwendig konstruierten Kastenfalle durchschauten und immer wieder die Köder stehlen konnten, ohne selbst gefangen zu werden. Eichhörnchen denken sich aberwitzige Tricks aus, um in Vogelhäusern plaziertes Vogelfutter zu ergaunern, viele Vogelarten lösen Aufgaben zur mentalen Rotation (räumliches Vorstellungsvermögen) schneller als jeder Mensch, und Werkzeuggebrauch ist unter Säugetieren vollkommen üblich. Viele Wild- und Haustiere setzen sich aufopferungsvoll für ihre Familien oder Rudel ein, trauern um sie, wenn sie beispielsweise durch einen Jäger getötet werden, können aber ebensogut ausgelassen miteinander spielen, voneinander lernen, sich gegeseitig pflegen und zärtlich zueinander sein. Alle objektiv beobachtbaren oder analysierbaren Parameter (Verhalten, Physiologie, Abstammung) sind bei Mensch und Tier also durchaus vergleichbar. Damit gibt es keinen logisch haltbaren Ansatzpunkt für die Behauptung, dass subjektive Faktoren wie etwa die Empfindungsfähigkeit nur beim Menschen zu finden sind.

Für viele Menschen, die von der Ausbeutung von Tieren leben oder sie, wie es die Jäger tun, im Rahmen einer mehr als fragwürdigen Freizeitgestaltung töten, sind diese wissenschaftlichen Erkenntnisse schmerzlich. Sie negieren das Recht des Homo sapiens, seine Mitwelt in der ihm gerade genehmen Weise rücksichtslos zu nutzen, und beinhalten eine weitreichende moralische Verpflichtung anderen Lebewesen gegenüber.

Der englische Philosoph Jeremy Bentham bemerkte am Vorabend der französischen Revolution ganz richtig, dass kein Merkmal existiere, das alle Menschen von allen Tieren unterscheide. Daher kann es keine logische Begründung dafür geben, allen Menschen, nicht aber auch zumindest einer sehr großen Zahl an Tieren ein Recht auf Leben, Unversehrtheit und Freiheit zuzugestehen. Ohne jeden Zweifel haben Tiere ebenso wie Menschen ein Interesse an ihrem Leben und dem ihrer Familien- und Rudelmitglieder, den Willen, am Leben zu bleiben und dafür nötigenfalls bis zum Äußersten zu kämpfen. Aber erfordert nicht der Grundsatz der Gleichheit, dass Lebewesen dort, wo sie gleiche Interessen haben, auch gleich behandelt werden müssen? Dürfen wir Tiere aus unserer Moral und Ethik ausschließen, weil sie Fell oder Federn haben, weil sie nicht mit abstrakten mathematischen Konzepten umgehen können, weil sie vier Pfoten statt zwei Füße haben?

Immer mehr Menschen lernen, diese Fragen frei von eigenen Ausbeutungs- oder Abschussinteressen zu beantworten, und erkennen das Tieren ebenso wie Menschen zu eigene Recht auf Leben und Unversehrtheit an. »Die Franzosen haben bereits erkannt, dass die Farbe der Haut kein Grund ist, ein menschliches Wesen der Willkür seiner Peiniger zu überlassen«, sagte Bentham, und fügte den nächsten logischen Schritt hinzu: »Der Tag wird kommen, an dem man ebenso erkennt, dass die Endung des Kreuzbeins oder die Behaarung der Haut ebensowenig Gründe dafür sind, ein Lebewesen diesem Schicksal zu übergeben.
Die Frage ist nicht: Können sie sprechen?
Noch: Können sie logisch denken?
Sondern: Können sie leiden?«